Finissage und Lesung in der Kunsthalle

Für die Finissage „Wir hier Kunstszene Recklinghausen 2018“ am 3. Februar 2019 hatte die NLGR Autorinnen und Autoren aufgefordert, zu einzelnen Ausstellungsstücken einen Text zu verfassen. Die Texte, die bei der Finissage vor großem Publikum vorgetragen wurden, veröffentlichen wir an dieser Stelle. Alle Rechte liegen bei den Autorinnen und Autoren.

Autor/Autorin

Titel

N. N.:Baywatch
Philip Behrendt:Blau zu Braun
Danuta Karsten:Muster Kopie
Sylvia Seelert:Das Aufwirbeln des Ozeans
Edith Linvers:Angedichtet. Überschrieben
Anja Ollmert:Frau Kowalski aus dem elften Stock
Holger Pannenbäcker:Mein hungriges Herz
N. N:Paula sammelt Paybackpunkte
Helmut Peters:Der alte Mann am Meer
Sylvia Seelert:Wir warten
Martina Bialas:Paula sammelt 2010 68.000 Payback-Punkte

Baywatch von N. N. (folgt)

Es war die völlige Ruhe, die sie weckte. Keine Motorengeräusche, kein Radio, kein Getöse der Klimaanlage. Es war so still wie der Wagen stand. Ihr Nacken protestierte gegen die ungewohnte Erfahrung, im Sitzen zu schlafen, und ihre Lider klebten vor lauter Müdigkeit, aber sie öffnete die Augen dennoch, blinzelte überrascht in ein undeutliches Grau und versuchte, die Mosaiksteinchen ihrer Erinnerung in ein passendes Bild zu zwängen.
Sie hatten bis in die späte Nacht ‚Baywatch‘ geschaut, diese alte amerikanische Serie über Rettungsschwimmer am Strand des ewigen kalifornischen Sommers, die nicht nur Menschen retteten, Verbrechen lösten und komplizierte Beziehungsgeflechte aufbauten, sondern dabei auch noch so wahnsinnig gut aussahen. Ihr Freund hatte beim Mittagessen erwähnt, dass er die Serie nur vom Hörensagen her kannte, weil er offenbar die Neunziger im Wachkoma verbracht hatte, und obwohl sie wusste, dass er lieb, aber leicht zu beeinflussen war, hatte sie im Streamingdienst ihres Vertrauens nach der Serie gesucht und war fündig geworden. Und dann hatten sie anfangen zu schauen, eine Folge nach der nächsten, und ihr Freund hatte sich bemüht, sich alle Namen zu merken und mehr Kommentare zum schönen Strand als zu den schönen Rettungsschwimmerinnen zu machen. Sie hatte ihn sogar noch dafür gelobt! Dann war sie irgendwann nach Mitternacht oder ein Uhr todmüde ins Bett gegangen, nur um wenig später von einem angeknipsten Freund wachgerüttelt zu werden, der ihr mit leuchtenden Augen erklärte, dass er eine grandiose Idee hätte: Sie würden sich gleich ins Auto setzen und die Nacht durch zum Strand fahren, jetzt, auf der Stelle. Das dauerte höchstens dreieinhalb Stunden. Er kannte da einen Top-Parkplatz, von dem aus man das Meer sehen könnte: ein traumhafter Blick, der jede Minute im Auto wert sei. Sie würden dann am nächten Morgen den Sonnenaufgang über dem Meer betrachten können, nur sie und die unendliche Weite der Wellen, zusehen, wie sich das leuchtende Rot der Sonne in mattes Orange und dann in ein gleißendes Gold verwandelte, zuhören, wie die Möwen ihre heiseren Schreie in den Seewind stießen, danach vielleicht spazieren gehen, Hand in Hand. Er hatte sogar theatralisch geseufzt. Dass es nur das Meer von Zeeland würde statt das Meer von Malibu, hatte ihn nicht gestört. Ideen, die man nachts im Serienkoma bekam, waren ja oft ziemlich dumm. Deshalb hatte sie ihm auch gesagt, dass sie unter gar keinen Umständen ins Auto steigen würde, sich durch die Karawane der Vla-Süchtigen FreizeitNiederländer quälen und irgendwo im Netz-Nirwana offline Sand in jedwede Kleidungsfalte und Körperöffnung säen lassen würde, nur um seinem hoffnungslos serien-romantischen Anflug Befriedigung zu verschaffen. Sie hatte das mit den wohlgewählten Worten: „Weißt du, wie spät das ist!? Nur über meine Leiche!“ getan, und weil ihre Stimmbänder, Lippen und Zunge so müde gewesen waren, hatte es womöglich auch noch etwas undeutlich geklungen. Und jetzt saß sie halt im Auto, und das Auto stand.
„Stehen wir im Stau?“, fragte sie müde, drückte die Arme gegen das Autodach und gähnte herzhaft. Es war gar nicht richtig hell, fand sie, eher Grau in Grau, und außerdem rüttelte ihr Freund nicht mit der tyrannischen Fröhlichkeit der Frühaufsteher und Koffein-Junkies an ihrer Schulter, um ihr zu verkünden, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Sie schmatzte verwundert. Weder durch die Windschutzscheibe noch durchs Seitenfenster erkannte sie andere Autos. Eigentlich erkannte sie gar nichts, nur Grau mit ein paar verwischten Schemen dazwischen. Fragend wandte sie den Kopf. Ihr Freund saß schweigend auf dem Fahrersitz, die Hände am Lenkrad, den Blick starr geradeaus gerichtet. „Sag nichts“, bat er matt. Sie runzelte die Stirn. Manchmal hatte er diese niedergeschlagenen Phasen, wenn einer seiner Seifenblasenträume an der nüchternen Realität zerplatzt war. Aber das konnte doch dieses Mal nicht der Fall sein. Sie waren doch keineswegs schon da! Sie blickte wieder nach vorne und betrachtete erneut das hartnäckige Grau, das den Wagen umgab. Womöglich erkannte sie so etwas wie die Absperrung eines Parkplatzes, zähes Dünengras, vage die Umrisse eines Blechschildes an einem Pfahl, auf dem sich ein Vogel niedergelassen und aufgeplustert hatte, der eventuell einer Möwe ähnelte. Wenn sie auf irgendeiner Landstraße zum Knutschen nach irgendeiner Party angehalten hätten, hätte sie ja gesagt, dass das verflixt dicher Nebel sei, aber entweder hatte er das Navi so hartnäckig ignoriert wie ihr Bedürfnis nach Schlaf, oder aber… „Oh“, machte sie.
„Sag. Nichts“, wiederholte er und klammerte seine Hände noch fester um den Kunststoff des Lenkrads, so dasss die Knöchel weiß hervortraten. „Hast du gewusst, dass es am Meer auch so viel Nebel geben kann?“, fragte sie, und obwohl ihr immer noch gefühlt drölf Stunden Schlaf fehlten, schlich sich eine ihr für gewöhnlich um diese Stunde fremde Fröhlichkeit in ihre Stimme.
„Nichts“, wiederholte er, und sie verschränkte genüsslich lächelnd die Arme hinter dem Kopf und sah hinaus in die graue Suppe, in der sich irgendwo Wellen, Sonne und Strand verbargen, den sie jetzt ganz für sich haben konnten, weil nur Irre bei dem Wetter herkamen. Irre oder Sportler, was aber im Prinzip auch aufs Gleiche herauskam.
„Ich hab das ja nicht gewusst“, fuhr sie fort. „Ich hätte gedacht, wenn wir deinen Top-Parkplatz erreichen, haben wir freie Sicht aufs Meer.“ Er schwieg. „Soll ja traumhaft sein, so ein Sonnenaufgang am Meer, jede Minute im Auto wert.“ Er schwieg weiterhin. „Denkst du, die Sonne ist schon aufgegangen?“, erkundigte sie sich. Er schwieg. „Warte, ich schau mal nach.“ Sie setzte sich auf und angelte nach ihrer Strandtasche, die er ihr vor der Abfahrt zwischen die Beine gestellt hatte. Handtuch, ihr roter Badeanzug, Sonnenbrille, Sonnenschutzmittel – er hatte wirklich an alles gedacht. Sie packte das Brillenetui und die Sonnencreme auf die Ablage und begann unschuldig, dabei die Titelmelodie von ‚Baywatch‘ zu summen. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass er den Kopf wie in Zeitlupe drehte – es wäre wirklich synchron zu den wippenden Oberkörperteilen der kalifornischen Strandschönheiten gewesen.
„Ah, da ist ja mein Smartphone.“ Sie ließ die Strandtasche wieder zwischen ihre Knie gleiten, während sie die Uhrzeit checkte. „Uh, gleich viertel nach sechs. An einem Sonntag. Ich dachte immer, das existiert die Welt nicht vor elf.
Habe ich mich wohl geirrt. Sowas passiert einem ja schnell.“
„Das klart gleich auf“, behauptete er stoisch.
„Die Wetter-App sagt nein.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Weißt du, ich hätte ja mal das Wetter gecheckt, ehe ich mitten in der Nacht schlafende Leute geweckt hätte.“
„Bitte sei still“, brummte er.
„Könnte ich machen.“ Sie ließ das Smartphone sinken, lehnte sich an und wandte den Kopf, um ihn anzublicken. „Das macht dann aber keinen Spaß.“
„Bitte!“, stöhnte er, „ich tu’s nie wieder!“ Er ließ die Hände vom Lenkrad gleiten und schnitt dabei eine so leidende Grimasse, dass er ihr wirklich ein bisschen leid tat – trotz der Uhrzeit.
„Ich habe aber auch eine gute Nachricht“, fügte sie daher tröstend hinzu.
„Wirklich?“ Er hob zweifelnd die Brauen, und sie hielt ihm ihr Smartphone
entgegen.
„Ich habe fast vollen Empfang. Was hältst du von einer Folge ‚Baywatch‘?“

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Blau zu Braun von Philip Behrendt

Ruhige, hellblaue See, Traum aus Reisekatalogen, türkises Versprechen. In der Realität nicht ganz so leuchtend, aber blau, verschiedene Töne, manchmal sehr dunkel, fast schwarz. Manchmal nicht ruhig, sondern wild. Schaumschlagend,
immer die Ferne andeutend. Man sieht sie nicht, der Blick geht nur bis zum Horizont, nie darüber hinaus, doch jeder weiß: Da ist noch was. Das ist noch mehr.
Die Gewaltigkeit der Natur, der Erde. Die eigene Winzigkeit. Freiheit? Vor Augen das blaue Meer, im Rücken:
gelber, glühender Sand, rotes Blut, schwarzer Tod. Freiheit?
Vielleicht als winzig kleiner Funken. Hoffnung, die in Kombination mit Gelb, Rot und Schwarz doch ausreicht, die Bedenken, die Angst wegzuwischen und das wackelige, zu volle Schlauchboot zu betreten.
Der Funkruf des Aufklärungsflugzeugs trifft spät in der Nacht auf der Brücke der Specula ein. Die Uhrzeit ist nicht von Bedeutung… Hier ist man immer bereit. Dafür sind sie hier. Nur dafür. Segel setzen – im übertragenen Sinne – und los geht’s in Richtung der übersandten Koordinaten. Es ist ein weiter Weg. Es ist ausreichend Zeit, die Crew in Kenntnis zu setzen, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, genug Zeit, das Beiboot fertig zu machen. So viel Zeit. Bei Ankunft kann es schon zu spät sein.
Und was, wenn alles gut geht? Was ist der nächste Schritt? Wohin dann? Welcher
Hafen ist noch sicher, nimmt noch Hilfesuchende auf, in diesen unzivilisierten Tagen?
Oft ist es erstmal keiner.
Hier ist jetzt kein Platz für Sorgen, auch die Folgen, die möglichen, haben im Hier und Jetzt keinen Raum. Noch ist es nicht so weit. Kein Platz für Sorgen.
Der Kapitän prüft die Koordinaten ein zweites Mal. Um die Specula herum herrscht bedrückende Dunkelheit. Dunkler Himmel, dunkles Wasser, dunkle Stille. Dunkle Luft, die alles verschluckt. Die Koordinaten sind richtig, aber niemand ist hier. Totenstille.
Vielleicht schwimmt da noch was? Ist das Kleidung? Eine orangefarbene Weste? Hoffnung?
Nur Reste des Bootes. Sollten sie anfangen, den Umkreis abzusuchen? Aussichtslos.
Es ist zu spät. Sie sind zu spät. Mal wieder. Aber sie haben es zumindest versucht. Und sie werden es weiter versuchen. Auch gegen Widerstände. Dafür sind sie hier. Nur dafür. Ein kleiner Funke Menschlichkeit – in der braunen Suppe Mittelmeer.

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Muster Kopie von Danuta Karsten

Muster, frei schwebend über dem Jetzt
Nie gesehen, tief vertraut
Gezackte Linien in Schwarz
zart und doch brutal

Schicht um Schicht – Ausgrabung
Verbunden nur in der Gesamtheit
die Fundamente alter Sünden
so luftig wie schwer

Keine Stadtkuppel vor dem Himmel
dieses Mal
Stattdessen Prä-Kolumbianer?
In meinen Träumen, sicherlich

Der Goldene Gott tanzend
wer tötet gerechter?
Krieger oder Priester?
Konquistadore? Missionare?

Erinnerung, mit Pinsel und Spaten neu entdeckt
Menschenopfer/Blut
Zeit/Raum
Ewige Wahrheiten und Rätsel
Eliots ödes Land

Nichts kann vergessen werden
alle Leben verbunden
Jede Geschichte nur ein Kapitel der Ewigkeit

kein Ende

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Das Aufwirbeln des Ozeans von Sylvie Seelert

Kunstobjekt: Wavelines I + II von Udo Homeyer

Ich atme ein. Ich atme aus.
Alles strömt. Der Fluss meiner Atmung treibt mich zu den Ozeanen meiner Gedanken. So weit und so tief ist das Meer. Dunkelheit schimmert unter der glitzernden, sich kräuselnden Oberfläche. Meine Gedanken sammeln sich auf der Argos, setzen die Segel und schon teilt der Bug die aufspritzenden Wellen. Wolken türmen sich am Himmel und finden ihr Spiegelbild im Wasser wieder.  Meine Gier treibt mich weiter. Die Suche nach dem Goldenen Vlies. Der Schatz, ich will ihn heben.
Ich atme ein. Ich atme aus.
Die Strömungen zerren an den Planken des Schiffes. Wenn ich in die Fluten hinabschaue, sehe und spüre ich ihre Wirbel. Himmel und Erde treffen sich an dieser flüssigen Grenze. Es zieht und zerrt mich in die samtene Schwärze. Im Wasser schwebt mein Geist, ist ganz leicht und voller Staunen. Das Glitzern der Wellen ist nun über mir, ganz eben noch kann ich es mit meinen Augen erhaschen. Bis Dunkelheit sie verschlingt.
Hier bin ich allein. Kein Atmen mehr. Nach dem Licht schwindet die Wärme. Es ist eiskalt. Der Grund hat nie die Sonne gesehen. Und doch lebt die Dunkelheit. Hat ihr eigenes, organisches Geflecht. Meine Gedanken blitzen wie Phosphor auf und beleuchten, was zuvor nicht sichtbar war. Mein Mund will sich vor lauter Staunen gar nicht mehr schließen.
Ich atme ein. Ich atme aus.
Die Strömungen singen und summen im Rhythmus von Sonne und Mond. Das Blut in meinen Adern, ebenso salzig wie das Meer, erinnert sich. Es strömt und summt ebenso in mir. Es pocht und wirbelt gegen Felsen und Strände. Die Wellenbewegungen drängen an die Oberfläche, werfen ihre Anspannung und Entspannung auf Muskeln, Sehnen und Haut. Vermischen sich, türmen sich auf, fallen zusammen oder verschlingen sich. Endlos zerschellt und fügt sich immer wieder alles zusammen. Mein Körper ist ein Aufwirbeln des Ozeans, Strandgut, das an das Ufer gespült wurde. Das Goldene Vlies liegt nicht an Kolchis Küsten. Es ist verborgen in den Tiefen der Urmutter.
Ich atme ein. Ich atme aus.

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Angedichtet. Überschrieben von Edith Linvers

Gerhard Richter definierte die Kunst auf der documenta 1982:
„Die Kunst ist die höchste Form von Hoffnung“
und
„Kunst ist das Gegenteil von Dummheit und Gewalt“
Zu dem hier ausgestellten Werk von Sanchez/Schuch/Wendker
„Die Welt ist verrückt geworden und was machen wir?“

Aphorismen

Es ist eine Kunst die Kunst hochzuhalten.

Es geht aufwärts stand in der Zeitung
unter der ein Obdachloser lag.

Sie untersuchten mich nach Waffen.
Die Zunge haben sie übersehen.

Er fühlte sich im Medienlicht als sei er der Auserwählte.

Auch in blutgefärbtem Öl
läuft alles wie geschmiert.

Wer Grenzmauern errichten lässt
hat seine Seele vorher verdrahtet.

Die Moral hat Aufschwung,
 jeder besitzt seine eigene.

Aladins Wunderlampe aus 1001 Nacht ist erloschen.
Das Morgenland wartet auf Erleuchtung.

Der Mensch bleibt sich selbst ein Fragezeichen,
bis er einen Punkt setzt.

Fragmente

Blutrot getränkte Schlagzeilen
Lügenpresse – von wegen.
Sorgen, Wut und Angstgefühle
fließen mir entgegen.

Gletscher schmelzen, abgeholzte Wälder,
leergefischte Meere, Inseln verschwinden.
Wer das nicht wahrnimmt
den sollte man von Macht entbinden.

Sie werden mehr, die Millionäre.
Egoisten kennen kein Erbarmen.
Die Yachten nehmen weiter zu
und ab die Würde aller Armen.

Stacheldrahtzäune, Flüchtlingstragödien,
täglich Nachrichten von Toten.
Aufnahmestopp in Europa,
Menschen in sinkenden Booten.

Der Papst räumt ein, auch ich

 bin fehlbar, bin ein Sünder.

Die Kurie ändert nichts, verschweigt.
Das Oberhaupt entschuldigt sich
und segnet weiterhin die Kinder.

Hungersnot, Bitterkeit in dieser Zeit
in jeder Zeile zu entdecken.
Egoisten auf dem Vormarsch
verbreiten weltweit neue SchreckEn.

Kriege, Rassismus, Gier, Hass
und Korruption.
Manche Politiker gehen über Leichen
vergreifen sich im Ton.

Tiefe Kluften in Europa
Nachbarländer mit Despoten.
Bezeichnen sich als Demokraten,
frei gewählte Idioten.

Hilfe, es regnet Deppen.
Der Waffenhandel drastisch gestiegen.
Appelle aus dem Vatikan
sind ohne Wirkung geblieben.

Missachtung anderer Religionen
Diskriminierung der Frauen.
Gentleman in goldener Suite
schließt Grenzen
und lässt Mauern bauen.

Trump ist unberechenbar.
Wer stürzt den Greis ohne Verstand,
so hat ihn einer, der nicht besser ist
Kim Jong-Un
ganz freundschaftlich genannt.
Die Lügen vom perfekten Helden
Ich, Ich, Ich,
Narzissmus in jeder Pose,
wer stoppt den Wahn
heilt die Ge-Trump-el-Diagnose?

Alarmstufe Rot!
Gegenwehr!  Hoffnung trotz Allem!

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Frau Kowalski aus dem elften Stock von Anja Ollmert

Zu den Bildern „Mit Aussicht 1+2“ von Ulrike Speckmann

Es war verdammt frisch hier oben. Ilse Kowalski hatte sich nah an das Geländer rollen lassen und blickte gelangweilt hinunter. Seit drei Jahren hockte sie hier und sah von oben zu, wie unten das Leben ohne sie weiter-ging. Ein Schlaganfall – für eine alleinstehende Frau ihres Alters oft das Todesurteil, aber leider hatte man sie zu früh gefunden.
Was das bedeutete? Sie wurde von den Ärzten gezwungen, in ihrem Körper eingesperrt darauf zu warten, dass sie endlich abtreten  durfte. War man ehrlich, konnte das niemand wollen: Im Rollstuhl sitzend zu erdulden, dass ein anderer für dich Hand anlegte beim Waschen, beim Essen, beim Kämmen – wobei auch immer. Ilse Kowalski war nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen.
Täglich bekam sie zu hören, sie habe doch Glück gehabt, dass man sie fand. Dabei wusste Ilse, genau das machte ihr Problem aus. Morgens, bevor die Tochter zum Unterricht fuhr, kam die Pflegerin und es dauerte nie lange, bis sie Folgendes hörte:
„Getz gehn wer ma schön auffm Balkon, wat, Frau Kowalski. Da könn se wenigstens runterkucken, während ich hier saubermach.“ Dabei war es zuweilen unerheblich, welche Witterung herrschte. Schließlich bekam Frau Kowalski ja eine Decke über die Knie gelegt. Das würde reichen.
Warum Frau Kowalski das klaglos hinnahm?
Oh, sie hätte sich lautstark beschwert, wäre sie dazu in der Lage gewesen. Mit dem Schlaganfall aber war ihr die Ausdrucksfähigkeit vollkommen entglitten. Sie war dazu verdonnert, in Hitze und Kälte unablässig in die Straßenschlucht tief unter sich zu sehen, bis die Wohnung sauber genug war und man sie wieder ins Innere des Appartements ließ.
In ihrem Kopf verknüpften sich noch immer Buchstaben zu Wörtern und diese zu Sätzen, doch nichts davon verließ ihren Mund. Und sie malte sich aus, was da unten vor sich ging, nur um nicht versehentlich aus Langeweile oder der unwirtlichen Temperaturen wegen zu sterben. Das wäre dann auch Frau Kowalski zu einfach gewesen.
Heute hatte es geschneit. Das Geländer war eiskalt und sie musste Acht geben, nicht daran festzufrieren. Nur mit der linken Hand war sie noch im Stande, sich ein wenig näher heranzuziehen, damit sie überhaupt zwischen den Streben hindurchsehen konnte. Aber was gab es dort schon zu sehen? Matschig graues Pflaster, bedeckt von Schneegriesel. Die Reifen durchfahrender Radfahrer hatten dafür gesorgt, dass ein schwarzes Schlangenmuster durch die Schneedecke mäanderte.  Aber die waren schon längst woanders. Die Straße war menschenleer, so leer wie Frau Kowalskis Herz hier oben im elften Stock, von wo aus sie auf beschneite Grundrisse der flacheren Bebauung sah, die den Wohnturm umgab, auf dem sie wie einst Rapunzel hockte und auf einen Retter wartete. Der würde nicht kommen. Sie konnte ja auch nicht rufen. Und wenn sie es gekonnt hätte, worum hätte sie gebeten? Dass sie im Winter ins Warme durfte und im Sommer aus der Hitze der Sonne geholt würde? Wer würde ihr glauben, könnte sie erzählen, dass es täglich hieß: „Getz gehn wer ma schön auffm Balkon, wat, Frau Kowalski“?
Ilse Kowalski kannte nur einen Ausweg aus der Misere und der war imaginär: Sie träumte sich fort, dorthin, wo ihr Zuhause gewesen war. Wo sie in altersschlaflosen Nächten auf dem Bett liegend in den dunkelblauen Himmel sah. Manchmal stand dort der Mond und wanderte während der Nacht bis in das mittlere blaue Viereck, das Ilse Kowalski ihr „Auge in die Nacht“ nannte. Damals hatte sie entschieden, nicht reden zu wollen. Nicht umsonst lebte sie allein. Heute war ihr Los das nicht reden können. Sie teilte das Leben von Pflegerin und Tochter, aber hatte sich noch nie so allein gefühlt.
Am Ende dieses Vormittags, kurz bevor sie wieder hinein geholt werden würde, vermisste Ilse Kowalski vor allem den Mond, den sie hier nie sah. Wenn es dunkel wurde, würde ihre Tochter die äußere Welt wie immer genervt aussperren. Nach sechs Stunden mit Hunderten von Kindern, kein Wunder. Und falls sie je mit der Mutter sprach, konnte die doch nur mit einem Nicken oder Kopfschütteln antworten.
Unwillkürlich zog sich Ilse Kowalski näher an das Geländer. Was, wenn sie sich würde hinüberbeugen können? Der Gedanke kam so plötzlich, dass die alte Frau vor ihm zurückschrak. Und dann beschloss sie, es zu versuchen.
Unten rechts sah sie das rote Dach eines Kleinwagens. Das Viereck leuchtete wie eine willkommen geheißene Zielgerade nach einem langen Lauf. Ilse Kowalskis Kraft wuchs ins Unermessliche, besiegte die Lähmungs-erscheinungen ihrer Gliedmaßen. Als sie endlich dort stand – aufrecht, so wie früher – beugte sie sich vor und gab ihr ganzes Gewicht in die Waagschale. Ihr Körper balancierte auf der metallenen Stange, bis sich das Gewicht zur Straßenflucht neigte.
Niemand sah sie fallen. Und kein Schrei aus ihrem Mund wurde laut. Sie traf das rote Viereck zielstrebig. Und in der Wohnung wurde noch geputzt.  

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Mein hungriges Herz von Holger Pannenpäker

Schlafwandlerisch rudere ich. Um mich herum ist jetzt nur noch das Meer. Von der Küste, die ich hinter mir gelassen habe, sind mir nur die Lichter in Erinnerung geblieben. Eines Tages war der Entschluss da, das Boot zu nehmen und aufzubrechen. Obwohl ich kein Ziel vor Augen habe, rudere ich mit aller Kraft, jeden Tag und sorge mich, dass ein falsch eingetauchtes Ruderblatt, eine Verzögerung bedeuten könnte. Jeder Schlag des Ruders bestimmt die Richtung. Dem Meer ringe ich jeden Meter mit all meiner Kraft ab. Das Risiko unterzugehen kümmert mich dabei nicht. Jeden Tag, wenn ich aufgestanden war, gab es das Risiko, zu stürzen. Und ich ging, ohne den Weg zu kennen. Gehen ist jedoch als einziges wichtig. Mindestens seit vielen Monaten bin ich unterwegs. Meine Hände sind mittlerweile vom Holz der Ruder rau geworden und ich komme nur langsam voran. Auch Vögel, die Zweige für ihr Nest sammeln, mühen sich. Oder? Und Lachse, die die Flüsse
aufwärts ziehen.
Seit einigen Tagen kommt es mir vor, als verändere sich mein Boot. Die Planken scheinen sich so langsam, dass ich fast an eine Täuschung glaube, zu bewegen. Sie dehnen sich aus, ziehen sich zusammen, das Boot atmet, vielleicht wie ein urzeitliches Reptil. Daher die Risse im Holz und die Splitter in meinen Händen. Als müsste es sich wie eine Schlange häuten und ließe die Haut langsam platzen, die zu klein geworden ist.
Die vielen Stunden des Ruderns zehren an mir. Ich weiß noch, dass ich mich einmal über den Rand des Bootes beugte und mich erbrach. Ich sank zurück auf seinen Boden und fragte mich, ob mein Erbrochenes vielleicht den Fischen zur Nahrung dienen könnte. Ich bedauerte, hier auf dem Rücken liegend, nicht die Kraft zu haben, um nachzusehen. Ich blieb die Stunden danach liegen und ließ mich, vom Schaukeln der Wellen begleitet, in meiner Fantasie zu dir bringen. Denn gerne würd ich dir erzählen von den Veränderungen meines Bootes, die nicht mehr zu leugnen sind. Jedoch wie kann ich sie beschreiben, die so langsam geschehen, dass ich sie fast nur ahnen kann. In der Mitte des Bodens zeigt sich eine Wölbung. Ich kann es nicht anders sehen. Vielleicht handtellergroß ist eine Beule gewachsen. Mit diesem Gedanken, über den ich nicht aufhören kann, mich zu wundern, schlafe ich ein. In meinem Traum bin ich schon bei dir. Ich stehe vor dir und du lädst mich ein, meine Hand in deine zu legen. Die andere lege ich auf deine Schulter. Du wiegst Deinen Körper und ich mit dir. So tanzen wir, umarmt, in meinem Traum. Dein Körper zeigt mir die Richtung und ich verspreche vor dir zu bleiben, dich nicht zu verlassen und folge, wohin du mich führst. Langsam drehen wir uns und ich rieche den frischen Schweiß deiner Haut.
Als ich aufwache ist der Horizont weit und die Sonne glitzert auf den Wellen. Es ist ein Mast gewachsen! Jetzt kann ich es sehen! Das Segel ist vom Wind gespannt. Ich lasse mich treiben. Der Wind wird mich woanders hinbringen. Ich komme an, wohin mein Boot mich trägt. Dort werde ich weitermachen. Es wird weitergehen. Ich werde nicht mehr rudern. Meine Arme breite ich aus und ich fahre mit den Fingern über das Holz, das sich glatt anfühlt und warm. Ein Schwarm Vögel zieht am Himmel über mich hinweg und ich frage mich, ob sich ein Vogel, der sich der Formation anschließt, gebraucht fühlt, von den anderen Vögeln. Ich möchte mir die Frage merken, damit ich dir einmal davon erzählen kann.

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Paula sammelte 2010 68.000 Payback-Punkte von N. N. (folgt)

Es gibt diese Dinge, Situationen oder Ereignisse, die uns eher eine Last sind, obwohl sie uns doch eigentlich eine Lust sein sollten. Das Fahren mit der Deutschen Bahn gehört zweifellos in diese Kategorie. Oder die Spiele von Schalke 04. Sicher auch der Besuch eines Weihnachtsmarktes in der Recklinghäuser Innenstadt. Ich denke, jeder kennt diese Phänomene und hat da so seine eigene Prioritätenliste.
Nun wird es Sie vielleicht erstaunen, dass diese Liste bei mir ausgerechnet von Tätigkeiten des täglichen Lebens angeführt wird. Also ich sag mal: einkaufen, tanken, buchen, bestellen. Aber es ist nun mal so, Tätigkeiten, die ich früher zumeist fröhlich pfeifend und mit leichter Hand erledigt habe, lasten mir heutzutage zuweilen schwer auf der Seele. Und sollte jetzt die Frage im Raum stehen, was denn diesen elementaren Umschwung bei mir verursacht hat, dann kann ich voller Überzeugung mit einem Wort antworten: Payback!
Dabei hab ich dieses Punkte-System, als es das Licht der Welt erblickte, erstmal nur sehr beiläufig zur Kenntnis genommen. Wer wusste schon, ob das Ganze von Dauer sein würde. Es gibt schließlich so vieles, das ist schneller in der Versenkung verschwunden als es einst gekommen ist. Und so habe ich mich entschlossen, erstmal abzuwarten und Bier zu trinken. Okay, ich weiß, dass es eigentlich Tee heißt, aber m.E. wartet es sich weitaus besser bei ein paar Bierchen. Probieren Sie’s mal aus.
Doch dann kam der Tag, an dem ich folgende Schlagzeile las, ja, was heißt las, sie sprang mich geradezu an und überrollte mich mit elementarer Wucht: Paula sammelte 2010 68.000 Paybackpunkte. Boah, dachte ich, 68.000, das ist ja mal ne Ansage. Der pure Wahnsinn. Und da auch meinen inneren Widerständen Grenzen gesetzt sind – Sie kennen das ja: Geist willig, Fleisch schwach – hatte es mich mit einem Mal gepackt. 68.000 Payback-Punkte. Das wollte ich auch schaffen. Das war immerhin ein Gegenwert von schlappen 860 Euro. Okay, dass man dafür auch an die 100.000 Euro auf die Tische verschiedener Häuser zu blättern hatte, um diese Ausbeute zustande zu bringen, daran hab ich in diesem Moment überhaupt nicht gedacht. Ich wusste nur, dass man mit 680 Euro so manches anstellen konnte. Gut, es würde vielleicht nicht für ein mit Blattgold überzogenes Steak in Dubai reichen, aber ne Woche Urlaub auf Malle, das war sicher drin. Ich war jedenfalls fest davon überzeugt: Was Paula konnte, das konnte ich schon lange.
Prompt bin ich am nächsten Tag losgezogen und habe mir eine Payback-Karte besorgt. Und was soll ich euch sagen: Von dem Moment an war nichts mehr wie es mal war. Ja, es war der Anfang vom Ende meiner bisherigen Einkaufs-, Buchungs- und Bestellfreuden. Denn einfach nur losziehen, den Einkaufswagen vollpacken, den Wagen volltanken oder bei Otto ein Sixpack Unterhosen zu ordern, das war nicht mehr. Galt es doch, alle Besorgungen und Erledigungen vorher generalstabsmäßig durchzuplanen. In die engere Wahl kamen, z.B. beim Lebensmittelkauf, fortan nur noch Läden, in denen meine Karte auch akzeptiert wurde. Außerdem war es immerhin ein gewaltiger Unterschied, ob es dort einen Punkt für 1 Euro Einkauf oder erst für 2 Euro gibt. Ganz besonders zu berücksichtigen war obendrein, ob und wofür es Sonderpunkte gab. Etwa den 5fach-Coupon von REWE oder gar den 10fach-Coupon bei REAL. Oder 20- bis 30-fach-Punkte auf ganz bestimmte, alle paar Tage wechselnde Artikel. Wobei man Obacht geben muss, die geschickt ausgelegten Fallstricke zu erkennen und ihnen auszuweichen. Zum Beispiel, wenn der Sondercoupon mit den vielen Zusatzpunkten erst ab einem Einkauf vom 25 Euro oder gar erst 50 Euro gültig war. Oder nur am Montag oder am Donnerstag. Oder nur, wenn man im online-shop bestellte. Oder den downgeloadeten Coupon in der Handy-App freischaltete.
Aber damit war’s ja noch lange nicht genug. Denn Payback-Punkte gibt es schließlich nicht nur in Supermärkten, Drogerien oder Tankstellen. Was nichts anderes bedeutete, dass ich keine einzige Entscheidung mehr treffen konnte, ohne zuvor  gründlich die einzelnen Payback-Angebote zu durchforsten. Denn wer will schon ernsthaft das Risiko eingehen, dass einem ein dicker Haufen dieser blauen Punkte durch die Lappen geht. Nur weil man schlecht vorbereitet irgendwo übereilt zugeschlagen hat. Konzerttickets? Doch nicht mehr an der örtlichen Ticketkasse, wenn es dreifach-Punkte bei Eventim gibt. Blumenstrauß? Keine Chance für die Floristin an der Ecke, wo doch Valentins oder Blume 2000 mit satten Punktvorteilen locken. Urlaub buchen? Aber bitte nur online bei Reiseland oder Expedia mit den fetten Punkte-Coupons. Und wenn Karstadt nun mal keine Punkte rausrückt, dann geh ich eben zu Kaufhof. Selbst Schuld, wenn dann der Laden nicht läuft.
Diese Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Wenn ich das jetzt und hier alles aufzählen wollte, wäre ich morgen früh noch nicht damit durch. Aber ich denke, Sie haben jetzt einen ungefähren Eindruck davon gewonnen, wie sich Payback meines Lebens bemächtigt hatte und nahezu mein gesamtes Handeln und Denken bestimmte. Punkte oder keine Punkte, das war für mich nicht mehr die Frage. Es war meine Lebensgrundlage. Nachts begann ich davon zu träumen, ich sei eine willenlose Marionette, die von Geisterhand an ihren Fäden durch die Welt geschaukelt wird. Einfach grauenvoll.
So bin ich denn zu der Überzeugung gekommen, dass dieser Alptraum so nicht weitergehen kann, will ich nicht mein letztes Quäntchen Selbstbestimmung an ein selenloses System verlieren. Und ich habe den Entschluss gefasst, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Bevor mich meine Frau vor die Wahl stellen wird: Entweder ich oder deine Payback-Punkte. Sollen sie mich doch mal gern haben, die Herrschaften, und sich ihre Payback-Punkte sonstwohin stecken. Schon der Gedanke daran hat etwas ungeheuer Befreiendes. Ich bin überzeugt: Es wird mich zu einem anderen Menschen machen. Scheiß auf Paula und ihre 68.000 Punkte, die ich im Übrigen eh nie zusammengekriegt habe. Für mich beginnt ab sofort eine neue Zeitrechnung. Und morgen, meine liebe Freunde, morgen hole ich mir eine DeutschlandCard!

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Der alte Mann am Meer von Helmut Peters

Texte zu Bildern von Udo Homeyer – Wave bzw. Waveline

Schwer atmend setzte sich der Alte mit dem Rücken zum Meer auf einen
Felsvorsprung. Seit Tagen war er schon unterwegs, seit Jahren hatte er auf diesen
Augenblick gewartet. Nun war er am Ziel.
Er atmete tief durch, drei-, viermal konzentrierte er sich auf seinen Atem, spürte die
Luft ein- und ausströmen, spürte wie sich sein Brustkorb weitete und wieder
zusammenfiel, wie seine Bauchdecke sich hob und senkte.
Dann öffnete er sich. So, wie er es sich schon tausendmal in der Meditation
vorgestellt hatte, nur jetzt wirklich, real. Er brauchte nicht zu sehen, nur zu spüren,
wie er sich öffnete, weiter und weiter, ganz leicht, kinderleicht.
Er nahm jetzt mit allen Sinnen seine Umgebung in sich auf, das Rauschen des
Meeres. Das Geräusch der Flut verband sich mit seinem Atem. Das leichte Singen
des Windes vermischte sich mit einem Engelchor in seinen Ohren.
In seinem offenen Herzen spürte er ein Frohlocken, ein fröhliches Zwitschern, das
immer stärker wurde, seine Kehle langsam füllte und nach anfänglich gurgelnden
Geräuschen in einen wundervollen Gesang mündete, wie er ihn nie zuvor hatte von
sich geben können. Noch lange nach seinem Weggang war die Bucht von seinem
Gesang erfüllt.

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Wir warten von Sylvia Seelert

Kunstobjekt: Ursula Commandeur

Wir sind Viele
Und wir warten
Aus dunklen Schlünden
Schauen wir
Und wissen nicht
Was kommen wird

Wir sind Viele
Und wir warten
Blicken zu allen Seiten
Wollen begreifen
Mit unseren Tentakeln
Die Welt erreichen

Wir sind Viele
Und wir warten
Sind befleckt
Miteinander vernetzt
Alle auf einem Haufen
Zusammengesteckt

Wir sind viele
Und wir warten
In feinen, zarten
Körpern versteckt
Ersehnen wir Berührung
Auf kalter Haut

Wir sind Viele
Und wir warten
Bis wir begreifen
Die Verweigerung
Der Berührung
Liegt in uns selbst

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Paula sammelt 2010 68.000 Payback-Punkte von Martina Bialas

Guten Tag, ich heiße Paula und ich stehe mitten im Leben. Ich bin nicht nur dabei, sondern immer mittendrin. Und das gefällt mir – mich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Mein Job fordert mich ungemein, aber das gefällt mir auch. Es bedeutet übrigens Kampfgeist und einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn, sich auf der Welle des Erfolgs oben zu halten. Gelegentliche Schwankungen lächle ich weg. Ich bin souverän, straight und weiß immer genau, was ich will. Am liebsten ein bisschen mehr von allem. Nein, das ist nicht unverschämt, das ist berechtigt. Ich bin eine Frau des 21. Jahrhunderts: Ich darf sagen, was ich möchte und mir nehmen, was mir gefällt. Ich besitze einen durchaus gesunden Egoismus und man sagt mir ausgeprägtes Selbstbewusstsein nach. Nicht schlimm. Ich finde, beides braucht man, wenn man sich durch dieses immer verrückter werdende Leben bewegt. Gut bewegt! Ich möchte nicht straucheln, ich gehe strikt auf mein Ziel zu. Nein, ich schubse dabei niemanden aus dem Weg. Mag sein, dass mein Lächeln manchmal etwas verkrampft wirkt, vielleicht auch etwas bissig, so dass man mir durchaus freiwillig den Weg räumt. Ich nicke leicht nach vorne, grüße zustimmend oder abweisend nach links und rechts, wenn ich einem meiner Pläne nachgehe. Und Pläne habe ich viele. Die muss man haben, wenn man nicht im Strom der Zeit untergehen möchte. Sie wissen: „Man geht mit der Zeit, sonst geht man mit der Zeit.“
Und untergehen – das passiert ruckzuck, wenn man sich unüberlegt an eine Sache begibt. Deshalb lasse ich mich auch durch nichts und niemanden ablenken, ich bin hochkonzentriert auf mein aktuelles Anliegen. Multitasking ist übrigens schon wieder out.
Entschuldigung! Mein Handy!
Ich folge dem einen oder anderen Zeitgeist, ohne mich abhängig zu machen. Und abhängig wird man schnell in dieser hoch aktiven Gesellschaft. Mediengurus bestimmen unser Leben, Personaltrainer gesellen sich dazu. Tausende von Deutschen wollen Coach werden und mir dann erzählen, was mit guttut. Unfassbar! Ich weiß doch wohl noch immer am besten, was mir guttut und was nicht. Dafür habe ich ein absolut funktionierendes Kopf-, Bauch und Herzgefühl. Ich unterwerfe mich keinem Diktat.
Entschuldigung! Mein Handy!
Das Freisein von abhängig machenden Dingen ist erlernbar, es ist nur eine Frage des Trainings. Dieses ewige Nörgeln und Jammern, das Selbstmitleid und dieser lautlose Killer „Stress“ finden in meinem Leben keinen Platz. Sie haben bei mir keine Chance. Auch nicht die mit Leidenschaft inszenierten Lebensdramen. Und alles dargestellt in den sozialen Netzwerken. Weg damit, ich möchte frei sein. Ich bin frei.
Entschuldigung! Mein Handy!
Kennen Sie das Gefühl, wenn Pulsschlag und Blutdruck steigen, der Körper verschiedene Stresshormone ausschüttet, die Verdauung reduziert wird und sich alle Muskeln anspannen? Dann sollen wir bereit sein, richtige Entscheidungen zu treffen. Verdammt! Ich stehe im Hier und Jetzt und sage direkt, was ich denke. Also immer möglichst schnell. Unser Überlebensmodus ist auf schnelle Vorgänge programmiert, weil unser Körper angeblich diese enorme Belastung höchstens 15 Minuten aushalten kann.
Also lasse ich das erst gar nicht an mich heran.
Entschuldigung! Mein Handy!
Clean – also sauber bleiben, heißt mein primäres Lebensmotto. 
Einen Moment bitte! Es tut mir leid, aber ich muss etwas klären. Es sind soeben 3300 Payback-Punkte im Netz freigegeben worden. Eine kleine Leidenschaft von mir, keine Abhängigkeit. Das möchte, das muss ich differenzieren.
Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Mensch. Ich brenne für Dinge, die mir wichtig sind. ÄHM, ich meine natürlich keine Dinge, ich meine Menschen. Ich bin eine gute Ansprechpartnerin und Zuhörerin.
Das gibt es doch nicht. 3.300 Online-Punkte für Einkäufe im Online-Handel! Aber da kaufe ich eigentlich nicht ein, ich unterstütze den Einzelhandel vor Ort.
Ich habe 2010 68.000 Payback-Punkte gesammelt und für diese einen Staubsauber mit Komplettzubehör erhalten. Diesen großartigen Erfolg – ohne übrigens einem Einzelhändler geschadet zu haben – konnte ich nie wiederholen. Meine Freunde sagen sehr nachdenklich über diese damalige Zeit, ich hätte wie eine große schwarze Walfisch-Wolke über unserer kleinen Stadt gelegen. Nichts sei mir entgangen. Sie wollen meine gefletschten Zähne in der Wolke erkannt haben. Ich hätte Punkt für Punkt aufgesaugt. Gnadenlos sei ich nach vorne geprescht.
Ein amüsanter Witz von ihnen. Denn das kann nicht sein, mein Leben besteht aus anderen Zielsetzungen. Und die heißen nicht Payback-Punkte. Payback-Punkte!!!   Aber jetzt im Februar gleich 3.300 von ihnen zu ergattern, das wäre natürlich schon ein Erfolg.  
Ich käme endlich kostenlos an diesen Laubstaubsauger, der mein Gartenleben vereinfachen würde. Durch ihn würde ich wieder mehr Zeit gewinnen, um mich den wirklich wichtigen Dingen widmen zu können. Ich benötige für ihn 73.250 Punkte. Ein Ersatzstaubsauger-Beutel mit Duftstoffen, um diesen morbiden Blattgeruch erst gar nicht aufkommen zu lassen, wäre dabei. 73.250 Payback-Punkte sind für mich in den verbleibenden 11 Monaten zu sammeln, das sind 6.659 Punkte im Monat – minus diese möglichen 3.300 … das wären wiederum …
Ich heiße Paula … und ich weiß genau, was ich will. Abhängigkeiten kenne ich keine. Ich bin leidenschaftlich, das bin ich … nicht abhängig. Meine Großmutter war im zweiten Weltkrieg auf das Sammeln von Lebensmittelmarken angewiesen. Aber ich bin eine Frau des 21. Jahrhunderts, ich bin frei!

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