Finissage und Lesung in der Kunsthalle

Für die Finis­sage „Wir hier Kun­st­szene Reck­ling­hausen 2018“ am 3. Feb­ru­ar 2019 hat­te die NLGR Autorin­nen und Autoren aufge­fordert, zu einzel­nen Ausstel­lungsstück­en einen Text zu ver­fassen. Die Texte, die bei der Finis­sage vor großem Pub­likum vor­ge­tra­gen wur­den, veröf­fentlichen wir an dieser Stelle. Alle Rechte liegen bei den Autorin­nen und Autoren.

Autor/Autorin

Titel

Andrea Rohmert:Bay­watch
Philip Behrendt:Blau zu Braun
Ange­li­ka Her­zog:Muster Kopie
Sylvia Seel­ert:Das Aufwirbeln des Ozeans
Edith Lin­vers:Angedichtet. Über­schrieben
Anja Ollmert:Frau Kowal­s­ki aus dem elften Stock
Hol­ger Pan­nen­bäck­er:Mein hun­griges Herz
Wil­fried Bess­er:Paula sam­melt 2010 68.000 Pay­back­punk­te
Hel­mut Peters:Der alte Mann am Meer
Sylvia Seel­ert:Wir warten
Mar­ti­na Bialas:Paula sam­melt 2010 68.000 Pay­back-Punk­te

Baywatch von Andrea Rohmert

Es war die völ­lige Ruhe, die sie weck­te. Keine Motorengeräusche, kein Radio, kein Getöse der Kli­maan­lage. Es war so still wie der Wagen stand. Ihr Nack­en protestierte gegen die unge­wohnte Erfahrung, im Sitzen zu schlafen, und ihre Lid­er klebten vor lauter Müdigkeit, aber sie öffnete die Augen den­noch, blinzelte über­rascht in ein undeut­lich­es Grau und ver­suchte, die Mosaik­steinchen ihrer Erin­nerung in ein passendes Bild zu zwän­gen.
Sie hat­ten bis in die späte Nacht ‚Bay­watch‘ geschaut, diese alte amerikanis­che Serie über Ret­tungss­chwim­mer am Strand des ewigen kali­for­nischen Som­mers, die nicht nur Men­schen ret­teten, Ver­brechen lösten und kom­plizierte Beziehungs­ge­flechte auf­baut­en, son­dern dabei auch noch so wahnsin­nig gut aus­sa­hen. Ihr Fre­und hat­te beim Mit­tagessen erwäh­nt, dass er die Serie nur vom Hören­sagen her kan­nte, weil er offen­bar die Neun­ziger im Wachko­ma ver­bracht hat­te, und obwohl sie wusste, dass er lieb, aber leicht zu bee­in­flussen war, hat­te sie im Stream­ing­di­enst ihres Ver­trauens nach der Serie gesucht und war fündig gewor­den. Und dann hat­ten sie anfan­gen zu schauen, eine Folge nach der näch­sten, und ihr Fre­und hat­te sich bemüht, sich alle Namen zu merken und mehr Kom­mentare zum schö­nen Strand als zu den schö­nen Ret­tungss­chwim­merin­nen zu machen. Sie hat­te ihn sog­ar noch dafür gelobt! Dann war sie irgend­wann nach Mit­ter­nacht oder ein Uhr tod­müde ins Bett gegan­gen, nur um wenig später von einem angeknip­sten Fre­und wachgerüt­telt zu wer­den, der ihr mit leuch­t­en­den Augen erk­lärte, dass er eine grandiose Idee hätte: Sie wür­den sich gle­ich ins Auto set­zen und die Nacht durch zum Strand fahren, jet­zt, auf der Stelle. Das dauerte höch­stens dreiein­halb Stun­den. Er kan­nte da einen Top-Park­platz, von dem aus man das Meer sehen kön­nte: ein traumhafter Blick, der jede Minute im Auto wert sei. Sie wür­den dann am nächt­en Mor­gen den Son­nenauf­gang über dem Meer betra­cht­en kön­nen, nur sie und die unendliche Weite der Wellen, zuse­hen, wie sich das leuch­t­ende Rot der Sonne in mattes Orange und dann in ein gleißen­des Gold ver­wan­delte, zuhören, wie die Möwen ihre heis­eren Schreie in den Seewind stießen, danach vielle­icht spazieren gehen, Hand in Hand. Er hat­te sog­ar the­atralisch geseufzt. Dass es nur das Meer von Zee­land würde statt das Meer von Mal­ibu, hat­te ihn nicht gestört. Ideen, die man nachts im Serienko­ma bekam, waren ja oft ziem­lich dumm. Deshalb hat­te sie ihm auch gesagt, dass sie unter gar keinen Umstän­den ins Auto steigen würde, sich durch die Karawane der Vla-Süchti­gen Freizeit­Nieder­län­der quälen und irgend­wo im Netz-Nir­wana offline Sand in jed­wede Klei­dungs­falte und Kör­peröff­nung säen lassen würde, nur um seinem hoff­nungs­los serien-roman­tis­chen Anflug Befriedi­gung zu ver­schaf­fen. Sie hat­te das mit den wohlgewählten Worten: „Weißt du, wie spät das ist!? Nur über meine Leiche!“ getan, und weil ihre Stimm­bän­der, Lip­pen und Zunge so müde gewe­sen waren, hat­te es wom­öglich auch noch etwas undeut­lich gek­lun­gen. Und jet­zt saß sie halt im Auto, und das Auto stand.
„Ste­hen wir im Stau?“, fragte sie müde, drück­te die Arme gegen das Auto­dach und gäh­nte herzhaft. Es war gar nicht richtig hell, fand sie, eher Grau in Grau, und außer­dem rüt­telte ihr Fre­und nicht mit der tyran­nis­chen Fröh­lichkeit der Frühauf­ste­her und Kof­fein-Junkies an ihrer Schul­ter, um ihr zu verkün­den, dass sie ihr Ziel erre­icht hat­ten. Sie schmatzte ver­wun­dert. Wed­er durch die Wind­schutzscheibe noch durchs Seit­en­fen­ster erkan­nte sie andere Autos. Eigentlich erkan­nte sie gar nichts, nur Grau mit ein paar ver­wis­cht­en Schemen dazwis­chen. Fra­gend wandte sie den Kopf. Ihr Fre­und saß schweigend auf dem Fahrersitz, die Hände am Lenkrad, den Blick starr ger­adeaus gerichtet. „Sag nichts“, bat er matt. Sie run­zelte die Stirn. Manch­mal hat­te er diese niedergeschla­ge­nen Phasen, wenn ein­er sein­er Seifen­blasen­träume an der nüchter­nen Real­ität zer­platzt war. Aber das kon­nte doch dieses Mal nicht der Fall sein. Sie waren doch keineswegs schon da! Sie blick­te wieder nach vorne und betra­chtete erneut das hart­näck­ige Grau, das den Wagen umgab. Wom­öglich erkan­nte sie so etwas wie die Absper­rung eines Park­platzes, zäh­es Dünen­gras, vage die Umrisse eines Blech­schildes an einem Pfahl, auf dem sich ein Vogel niederge­lassen und aufge­plus­tert hat­te, der eventuell ein­er Möwe ähnelte. Wenn sie auf irgen­dein­er Land­straße zum Knutschen nach irgen­dein­er Par­ty ange­hal­ten hät­ten, hätte sie ja gesagt, dass das ver­flixt dich­er Nebel sei, aber entwed­er hat­te er das Navi so hart­näck­ig ignori­ert wie ihr Bedürf­nis nach Schlaf, oder aber… „Oh“, machte sie.
„Sag. Nichts“, wieder­holte er und klam­merte seine Hände noch fes­ter um den Kun­st­stoff des Lenkrads, so dasss die Knöchel weiß her­vor­trat­en. „Hast du gewusst, dass es am Meer auch so viel Nebel geben kann?“, fragte sie, und obwohl ihr immer noch gefühlt drölf Stun­den Schlaf fehlten, schlich sich eine ihr für gewöhn­lich um diese Stunde fremde Fröh­lichkeit in ihre Stimme.
„Nichts“, wieder­holte er, und sie ver­schränk­te genüsslich lächel­nd die Arme hin­ter dem Kopf und sah hin­aus in die graue Suppe, in der sich irgend­wo Wellen, Sonne und Strand ver­bar­gen, den sie jet­zt ganz für sich haben kon­nten, weil nur Irre bei dem Wet­ter herka­men. Irre oder Sportler, was aber im Prinzip auch aufs Gle­iche her­auskam.
„Ich hab das ja nicht gewusst“, fuhr sie fort. „Ich hätte gedacht, wenn wir deinen Top-Park­platz erre­ichen, haben wir freie Sicht aufs Meer.“ Er schwieg. „Soll ja traumhaft sein, so ein Son­nenauf­gang am Meer, jede Minute im Auto wert.“ Er schwieg weit­er­hin. „Denkst du, die Sonne ist schon aufge­gan­gen?“, erkundigte sie sich. Er schwieg. „Warte, ich schau mal nach.“ Sie set­zte sich auf und angelte nach ihrer Strand­tasche, die er ihr vor der Abfahrt zwis­chen die Beine gestellt hat­te. Hand­tuch, ihr rot­er Badeanzug, Son­nen­brille, Son­nen­schutzmit­tel – er hat­te wirk­lich an alles gedacht. Sie pack­te das Bril­lene­tui und die Son­nen­creme auf die Ablage und begann unschuldig, dabei die Titelmelodie von ‚Bay­watch‘ zu sum­men. Aus den Augen­winkeln erkan­nte sie, dass er den Kopf wie in Zeitlupe drehte – es wäre wirk­lich syn­chron zu den wip­pen­den Oberkör­perteilen der kali­for­nischen Strand­schön­heit­en gewe­sen.
„Ah, da ist ja mein Smart­phone.“ Sie ließ die Strand­tasche wieder zwis­chen ihre Knie gleit­en, während sie die Uhrzeit check­te. „Uh, gle­ich vier­tel nach sechs. An einem Son­ntag. Ich dachte immer, das existiert die Welt nicht vor elf.
Habe ich mich wohl geir­rt. Sowas passiert einem ja schnell.“
„Das klart gle­ich auf“, behauptete er stoisch.
„Die Wet­ter-App sagt nein.“ Sie schnitt eine Gri­masse. „Weißt du, ich hätte ja mal das Wet­ter gecheckt, ehe ich mit­ten in der Nacht schlafende Leute geweckt hätte.“
„Bitte sei still“, brummte er.
„Kön­nte ich machen.“ Sie ließ das Smart­phone sinken, lehnte sich an und wandte den Kopf, um ihn anzublick­en. „Das macht dann aber keinen Spaß.“
„Bitte!“, stöh­nte er, „ich tu’s nie wieder!“ Er ließ die Hände vom Lenkrad gleit­en und schnitt dabei eine so lei­dende Gri­masse, dass er ihr wirk­lich ein biss­chen leid tat – trotz der Uhrzeit.
„Ich habe aber auch eine gute Nachricht“, fügte sie daher trös­tend hinzu.
„Wirk­lich?“ Er hob zweifel­nd die Brauen, und sie hielt ihm ihr Smart­phone
ent­ge­gen.
„Ich habe fast vollen Emp­fang. Was hältst du von ein­er Folge ‚Bay­watch‘?“

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Blau zu Braun von Philip Behrendt

Ruhige, hell­blaue See, Traum aus Reisekat­a­lo­gen, türkises Ver­sprechen. In der Real­ität nicht ganz so leuch­t­end, aber blau, ver­schiedene Töne, manch­mal sehr dunkel, fast schwarz. Manch­mal nicht ruhig, son­dern wild. Schaum­schla­gend,
immer die Ferne andeu­tend. Man sieht sie nicht, der Blick geht nur bis zum Hor­i­zont, nie darüber hin­aus, doch jed­er weiß: Da ist noch was. Das ist noch mehr.
Die Gewaltigkeit der Natur, der Erde. Die eigene Winzigkeit. Frei­heit? Vor Augen das blaue Meer, im Rück­en:
gel­ber, glühen­der Sand, rotes Blut, schwarz­er Tod. Frei­heit?
Vielle­icht als winzig klein­er Funken. Hoff­nung, die in Kom­bi­na­tion mit Gelb, Rot und Schwarz doch aus­re­icht, die Bedenken, die Angst wegzuwis­chen und das wack­e­lige, zu volle Schlauch­boot zu betreten.
Der Funkruf des Aufk­lärungs­flugzeugs trifft spät in der Nacht auf der Brücke der Spec­u­la ein. Die Uhrzeit ist nicht von Bedeu­tung… Hier ist man immer bere­it. Dafür sind sie hier. Nur dafür. Segel set­zen – im über­tra­ge­nen Sinne – und los geht’s in Rich­tung der über­sandten Koor­di­nat­en. Es ist ein weit­er Weg. Es ist aus­re­ichend Zeit, die Crew in Ken­nt­nis zu set­zen, die nöti­gen Vor­bere­itun­gen zu tre­f­fen, genug Zeit, das Bei­boot fer­tig zu machen. So viel Zeit. Bei Ankun­ft kann es schon zu spät sein.
Und was, wenn alles gut geht? Was ist der näch­ste Schritt? Wohin dann? Welch­er
Hafen ist noch sich­er, nimmt noch Hil­fe­suchende auf, in diesen unzivil­isierten Tagen?
Oft ist es erst­mal kein­er.
Hier ist jet­zt kein Platz für Sor­gen, auch die Fol­gen, die möglichen, haben im Hier und Jet­zt keinen Raum. Noch ist es nicht so weit. Kein Platz für Sor­gen.
Der Kapitän prüft die Koor­di­nat­en ein zweites Mal. Um die Spec­u­la herum herrscht bedrück­ende Dunkel­heit. Dun­kler Him­mel, dun­kles Wass­er, dun­kle Stille. Dun­kle Luft, die alles ver­schluckt. Die Koor­di­nat­en sind richtig, aber nie­mand ist hier. Toten­stille.
Vielle­icht schwimmt da noch was? Ist das Klei­dung? Eine orange­far­bene Weste? Hoff­nung?
Nur Reste des Bootes. Soll­ten sie anfan­gen, den Umkreis abzusuchen? Aus­sicht­s­los.
Es ist zu spät. Sie sind zu spät. Mal wieder. Aber sie haben es zumin­d­est ver­sucht. Und sie wer­den es weit­er ver­suchen. Auch gegen Wider­stände. Dafür sind sie hier. Nur dafür. Ein klein­er Funke Men­schlichkeit – in der braunen Suppe Mit­telmeer.

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Muster Kopie von Angelika Herzog

Muster, frei schwebend über dem Jet­zt
Nie gese­hen, tief ver­traut
Geza­ck­te Lin­ien in Schwarz
zart und doch bru­tal

Schicht um Schicht — Aus­grabung
Ver­bun­den nur in der Gesamtheit
die Fun­da­mente alter Sün­den
so luftig wie schw­er

Keine Stadtkup­pel vor dem Him­mel
dieses Mal
Stattdessen Prä-Kolumbian­er?
In meinen Träu­men, sicher­lich

Der Gold­ene Gott tanzend
wer tötet gerechter?
Krieger oder Priester?
Kon­quis­ta­dore? Mis­sion­are?

Erin­nerung, mit Pin­sel und Spat­en neu ent­deckt
Menschenopfer/Blut
Zeit/Raum
Ewige Wahrheit­en und Rät­sel
Eliots ödes Land

Nichts kann vergessen wer­den
alle Leben ver­bun­den
Jede Geschichte nur ein Kapi­tel der Ewigkeit

kein Ende

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Das Aufwirbeln des Ozeans von Sylvie Seelert

Kun­sto­b­jekt: Wave­lines I + II von Udo Home­y­er

Ich atme ein. Ich atme aus.
Alles strömt. Der Fluss mein­er Atmung treibt mich zu den Ozea­nen mein­er Gedanken. So weit und so tief ist das Meer. Dunkel­heit schim­mert unter der glitzern­den, sich kräusel­nden Ober­fläche. Meine Gedanken sam­meln sich auf der Argos, set­zen die Segel und schon teilt der Bug die auf­spritzen­den Wellen. Wolken tür­men sich am Him­mel und find­en ihr Spiegel­bild im Wass­er wieder.  Meine Gier treibt mich weit­er. Die Suche nach dem Gold­e­nen Vlies. Der Schatz, ich will ihn heben.
Ich atme ein. Ich atme aus.
Die Strö­mungen zer­ren an den Planken des Schiffes. Wenn ich in die Fluten hin­ab­schaue, sehe und spüre ich ihre Wirbel. Him­mel und Erde tre­f­fen sich an dieser flüs­si­gen Gren­ze. Es zieht und zer­rt mich in die samtene Schwärze. Im Wass­er schwebt mein Geist, ist ganz leicht und voller Staunen. Das Glitzern der Wellen ist nun über mir, ganz eben noch kann ich es mit meinen Augen erhaschen. Bis Dunkel­heit sie ver­schlingt.
Hier bin ich allein. Kein Atmen mehr. Nach dem Licht schwindet die Wärme. Es ist eiskalt. Der Grund hat nie die Sonne gese­hen. Und doch lebt die Dunkel­heit. Hat ihr eigenes, organ­is­ches Geflecht. Meine Gedanken blitzen wie Phos­phor auf und beleucht­en, was zuvor nicht sicht­bar war. Mein Mund will sich vor lauter Staunen gar nicht mehr schließen.
Ich atme ein. Ich atme aus.
Die Strö­mungen sin­gen und sum­men im Rhyth­mus von Sonne und Mond. Das Blut in meinen Adern, eben­so salzig wie das Meer, erin­nert sich. Es strömt und summt eben­so in mir. Es pocht und wirbelt gegen Felsen und Strände. Die Wellen­be­we­gun­gen drän­gen an die Ober­fläche, wer­fen ihre Anspan­nung und Entspan­nung auf Muskeln, Sehnen und Haut. Ver­mis­chen sich, tür­men sich auf, fall­en zusam­men oder ver­schlin­gen sich. End­los zer­schellt und fügt sich immer wieder alles zusam­men. Mein Kör­p­er ist ein Aufwirbeln des Ozeans, Strandgut, das an das Ufer gespült wurde. Das Gold­ene Vlies liegt nicht an Kolchis Küsten. Es ist ver­bor­gen in den Tiefen der Urmut­ter.
Ich atme ein. Ich atme aus.

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Angedichtet. Überschrieben von Edith Linvers

Ger­hard Richter definierte die Kun­st auf der doc­u­men­ta 1982:
„Die Kun­st ist die höch­ste Form von Hoff­nung“
und
„Kun­st ist das Gegen­teil von Dummheit und Gewalt“
Zu dem hier aus­gestell­ten Werk von Sanchez/Schuch/Wendker
„Die Welt ist ver­rückt gewor­den und was machen wir?“

Apho­ris­men

Es ist eine Kun­st die Kun­st hochzuhal­ten.

Es geht aufwärts stand in der Zeitung
unter der ein Obdachlos­er lag.

Sie unter­sucht­en mich nach Waf­fen.
Die Zunge haben sie überse­hen.

Er fühlte sich im Medi­en­licht als sei er der Auser­wählte.

Auch in blut­ge­färbtem Öl
läuft alles wie geschmiert.

Wer Grenz­mauern erricht­en lässt
hat seine Seele vorher ver­drahtet.

Die Moral hat Auf­schwung,
 jed­er besitzt seine eigene.

Aladins Wun­der­lampe aus 1001 Nacht ist erloschen.
Das Mor­gen­land wartet auf Erleuch­tung.

Der Men­sch bleibt sich selb­st ein Frageze­ichen,
bis er einen Punkt set­zt.

Frag­mente

Blutrot getränk­te Schlagzeilen
Lügen­presse — von wegen.
Sor­gen, Wut und Angst­ge­füh­le
fließen mir ent­ge­gen.

Gletsch­er schmelzen, abge­holzte Wälder,
leerge­fis­chte Meere, Inseln ver­schwinden.
Wer das nicht wahrn­immt
den sollte man von Macht ent­binden.

Sie wer­den mehr, die Mil­lionäre.
Ego­is­t­en ken­nen kein Erbar­men.
Die Yacht­en nehmen weit­er zu
und ab die Würde aller Armen.

Stachel­drahtzäune, Flüchtlingstragö­di­en,
täglich Nachricht­en von Toten.
Auf­nahmestopp in Europa,
Men­schen in sink­enden Booten.

Der Papst räumt ein, auch ich

 bin fehlbar, bin ein Sün­der.

Die Kurie ändert nichts, ver­schweigt.
Das Ober­haupt entschuldigt sich
und seg­net weit­er­hin die Kinder.

Hunger­snot, Bit­terkeit in dieser Zeit
in jed­er Zeile zu ent­deck­en.
Ego­is­t­en auf dem Vor­marsch
ver­bre­it­en weltweit neue Schreck­En.

Kriege, Ras­sis­mus, Gier, Hass
und Kor­rup­tion.
Manche Poli­tik­er gehen über Leichen
ver­greifen sich im Ton.

Tiefe Kluften in Europa
Nach­bar­län­der mit Despoten.
Beze­ich­nen sich als Demokrat­en,
frei gewählte Idioten.

Hil­fe, es reg­net Dep­pen.
Der Waf­fen­han­del drastisch gestiegen.
Appelle aus dem Vatikan
sind ohne Wirkung geblieben.

Mis­sach­tung ander­er Reli­gio­nen
Diskri­m­inierung der Frauen.
Gen­tle­man in gold­en­er Suite
schließt Gren­zen
und lässt Mauern bauen.

Trump ist unberechen­bar.
Wer stürzt den Greis ohne Ver­stand,
so hat ihn ein­er, der nicht bess­er ist
Kim Jong-Un
ganz fre­und­schaftlich genan­nt.
Die Lügen vom per­fek­ten Helden
Ich, Ich, Ich,
Narziss­mus in jed­er Pose,
wer stoppt den Wahn
heilt die Ge-Trump-el-Diag­nose?

Alarm­stufe Rot!
Gegen­wehr!  Hoff­nung trotz Allem!

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Frau Kowalski aus dem elften Stock von Anja Ollmert

Zu den Bildern „Mit Aus­sicht 1+2“ von Ulrike Speck­mann

Es war ver­dammt frisch hier oben. Ilse Kowal­s­ki hat­te sich nah an das Gelän­der rollen lassen und blick­te gelang­weilt hin­unter. Seit drei Jahren hock­te sie hier und sah von oben zu, wie unten das Leben ohne sie weit­er-ging. Ein Schla­gan­fall – für eine alle­in­ste­hende Frau ihres Alters oft das Todesurteil, aber lei­der hat­te man sie zu früh gefun­den.
Was das bedeutete? Sie wurde von den Ärzten gezwun­gen, in ihrem Kör­p­er einges­per­rt darauf zu warten, dass sie endlich abtreten  durfte. War man ehrlich, kon­nte das nie­mand wollen: Im Roll­stuhl sitzend zu erdulden, dass ein ander­er für dich Hand anlegte beim Waschen, beim Essen, beim Käm­men – wobei auch immer. Ilse Kowal­s­ki war nicht mehr in der Lage, sich selb­st zu helfen.
Täglich bekam sie zu hören, sie habe doch Glück gehabt, dass man sie fand. Dabei wusste Ilse, genau das machte ihr Prob­lem aus. Mor­gens, bevor die Tochter zum Unter­richt fuhr, kam die Pflegerin und es dauerte nie lange, bis sie Fol­gen­des hörte:
„Getz gehn wer ma schön auffm Balkon, wat, Frau Kowal­s­ki. Da könn se wenig­stens run­terkuck­en, während ich hier sauber­ma­ch.“ Dabei war es zuweilen uner­he­blich, welche Wit­terung herrschte. Schließlich bekam Frau Kowal­s­ki ja eine Decke über die Knie gelegt. Das würde reichen.
Warum Frau Kowal­s­ki das kla­g­los hin­nahm?
Oh, sie hätte sich laut­stark beschw­ert, wäre sie dazu in der Lage gewe­sen. Mit dem Schla­gan­fall aber war ihr die Aus­drucks­fähigkeit vol­lkom­men ent­glit­ten. Sie war dazu ver­don­nert, in Hitze und Kälte unabläs­sig in die Straßen­schlucht tief unter sich zu sehen, bis die Woh­nung sauber genug war und man sie wieder ins Innere des Apparte­ments ließ.
In ihrem Kopf verknüpften sich noch immer Buch­staben zu Wörtern und diese zu Sätzen, doch nichts davon ver­ließ ihren Mund. Und sie malte sich aus, was da unten vor sich ging, nur um nicht verse­hentlich aus Langeweile oder der unwirtlichen Tem­per­a­turen wegen zu ster­ben. Das wäre dann auch Frau Kowal­s­ki zu ein­fach gewe­sen.
Heute hat­te es geschneit. Das Gelän­der war eiskalt und sie musste Acht geben, nicht daran festzufrieren. Nur mit der linken Hand war sie noch im Stande, sich ein wenig näher her­anzuziehen, damit sie über­haupt zwis­chen den Streben hin­durch­se­hen kon­nte. Aber was gab es dort schon zu sehen? Matschig graues Pflaster, bedeckt von Schnee­griesel. Die Reifen durch­fahren­der Rad­fahrer hat­ten dafür gesorgt, dass ein schwarzes Schlangen­muster durch die Schneedecke mäan­derte.  Aber die waren schon längst woan­ders. Die Straße war men­schen­leer, so leer wie Frau Kowal­skis Herz hier oben im elften Stock, von wo aus sie auf beschneite Grun­drisse der flacheren Bebau­ung sah, die den Wohn­turm umgab, auf dem sie wie einst Rapun­zel hock­te und auf einen Ret­ter wartete. Der würde nicht kom­men. Sie kon­nte ja auch nicht rufen. Und wenn sie es gekon­nt hätte, worum hätte sie gebeten? Dass sie im Win­ter ins Warme durfte und im Som­mer aus der Hitze der Sonne geholt würde? Wer würde ihr glauben, kön­nte sie erzählen, dass es täglich hieß: „Getz gehn wer ma schön auffm Balkon, wat, Frau Kowal­s­ki“?
Ilse Kowal­s­ki kan­nte nur einen Ausweg aus der Mis­ere und der war imag­inär: Sie träumte sich fort, dor­thin, wo ihr Zuhause gewe­sen war. Wo sie in alterss­chlaflosen Nächt­en auf dem Bett liegend in den dunkel­blauen Him­mel sah. Manch­mal stand dort der Mond und wan­derte während der Nacht bis in das mit­tlere blaue Viereck, das Ilse Kowal­s­ki ihr „Auge in die Nacht“ nan­nte. Damals hat­te sie entsch­ieden, nicht reden zu wollen. Nicht umson­st lebte sie allein. Heute war ihr Los das nicht reden kön­nen. Sie teilte das Leben von Pflegerin und Tochter, aber hat­te sich noch nie so allein gefühlt.
Am Ende dieses Vor­mit­tags, kurz bevor sie wieder hinein geholt wer­den würde, ver­mis­ste Ilse Kowal­s­ki vor allem den Mond, den sie hier nie sah. Wenn es dunkel wurde, würde ihre Tochter die äußere Welt wie immer gen­ervt aussper­ren. Nach sechs Stun­den mit Hun­derten von Kindern, kein Wun­der. Und falls sie je mit der Mut­ter sprach, kon­nte die doch nur mit einem Nick­en oder Kopf­schüt­teln antworten.
Unwillkür­lich zog sich Ilse Kowal­s­ki näher an das Gelän­der. Was, wenn sie sich würde hinüber­beu­gen kön­nen? Der Gedanke kam so plöt­zlich, dass die alte Frau vor ihm zurückschrak. Und dann beschloss sie, es zu ver­suchen.
Unten rechts sah sie das rote Dach eines Klein­wa­gens. Das Viereck leuchtete wie eine willkom­men geheißene Ziel­ger­ade nach einem lan­gen Lauf. Ilse Kowal­skis Kraft wuchs ins Uner­messliche, besiegte die Läh­mungs-erschei­n­un­gen ihrer Glied­maßen. Als sie endlich dort stand – aufrecht, so wie früher – beugte sie sich vor und gab ihr ganzes Gewicht in die Waagschale. Ihr Kör­p­er bal­ancierte auf der met­al­lenen Stange, bis sich das Gewicht zur Straßen­flucht neigte.
Nie­mand sah sie fall­en. Und kein Schrei aus ihrem Mund wurde laut. Sie traf das rote Viereck ziel­stre­big. Und in der Woh­nung wurde noch geputzt.  

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Mein hungriges Herz von Holger Pannenpäker

Schlafwan­d­lerisch rud­ere ich. Um mich herum ist jet­zt nur noch das Meer. Von der Küste, die ich hin­ter mir gelassen habe, sind mir nur die Lichter in Erin­nerung geblieben. Eines Tages war der Entschluss da, das Boot zu nehmen und aufzubrechen. Obwohl ich kein Ziel vor Augen habe, rud­ere ich mit aller Kraft, jeden Tag und sorge mich, dass ein falsch einge­taucht­es Rud­erblatt, eine Verzögerung bedeuten kön­nte. Jed­er Schlag des Rud­ers bes­timmt die Rich­tung. Dem Meer ringe ich jeden Meter mit all mein­er Kraft ab. Das Risiko unterzuge­hen küm­mert mich dabei nicht. Jeden Tag, wenn ich aufge­s­tanden war, gab es das Risiko, zu stürzen. Und ich ging, ohne den Weg zu ken­nen. Gehen ist jedoch als einziges wichtig. Min­destens seit vie­len Monat­en bin ich unter­wegs. Meine Hände sind mit­tler­weile vom Holz der Rud­er rau gewor­den und ich komme nur langsam voran. Auch Vögel, die Zweige für ihr Nest sam­meln, mühen sich. Oder? Und Lachse, die die Flüsse
aufwärts ziehen.
Seit eini­gen Tagen kommt es mir vor, als verän­dere sich mein Boot. Die Planken scheinen sich so langsam, dass ich fast an eine Täuschung glaube, zu bewe­gen. Sie dehnen sich aus, ziehen sich zusam­men, das Boot atmet, vielle­icht wie ein urzeitlich­es Rep­til. Daher die Risse im Holz und die Split­ter in meinen Hän­den. Als müsste es sich wie eine Schlange häuten und ließe die Haut langsam platzen, die zu klein gewor­den ist.
Die vie­len Stun­den des Rud­erns zehren an mir. Ich weiß noch, dass ich mich ein­mal über den Rand des Bootes beugte und mich erbrach. Ich sank zurück auf seinen Boden und fragte mich, ob mein Erbroch­enes vielle­icht den Fis­chen zur Nahrung dienen kön­nte. Ich bedauerte, hier auf dem Rück­en liegend, nicht die Kraft zu haben, um nachzuse­hen. Ich blieb die Stun­den danach liegen und ließ mich, vom Schaukeln der Wellen begleit­et, in mein­er Fan­tasie zu dir brin­gen. Denn gerne würd ich dir erzählen von den Verän­derun­gen meines Bootes, die nicht mehr zu leug­nen sind. Jedoch wie kann ich sie beschreiben, die so langsam geschehen, dass ich sie fast nur ahnen kann. In der Mitte des Bodens zeigt sich eine Wöl­bung. Ich kann es nicht anders sehen. Vielle­icht handtel­ler­groß ist eine Beule gewach­sen. Mit diesem Gedanken, über den ich nicht aufhören kann, mich zu wun­dern, schlafe ich ein. In meinem Traum bin ich schon bei dir. Ich ste­he vor dir und du lädst mich ein, meine Hand in deine zu leg­en. Die andere lege ich auf deine Schul­ter. Du wiegst Deinen Kör­p­er und ich mit dir. So tanzen wir, umarmt, in meinem Traum. Dein Kör­p­er zeigt mir die Rich­tung und ich ver­spreche vor dir zu bleiben, dich nicht zu ver­lassen und folge, wohin du mich führst. Langsam drehen wir uns und ich rieche den frischen Schweiß dein­er Haut.
Als ich aufwache ist der Hor­i­zont weit und die Sonne glitzert auf den Wellen. Es ist ein Mast gewach­sen! Jet­zt kann ich es sehen! Das Segel ist vom Wind ges­pan­nt. Ich lasse mich treiben. Der Wind wird mich woan­ders hin­brin­gen. Ich komme an, wohin mein Boot mich trägt. Dort werde ich weit­er­ma­chen. Es wird weit­erge­hen. Ich werde nicht mehr rud­ern. Meine Arme bre­ite ich aus und ich fahre mit den Fin­gern über das Holz, das sich glatt anfühlt und warm. Ein Schwarm Vögel zieht am Him­mel über mich hin­weg und ich frage mich, ob sich ein Vogel, der sich der For­ma­tion anschließt, gebraucht fühlt, von den anderen Vögeln. Ich möchte mir die Frage merken, damit ich dir ein­mal davon erzählen kann.

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Paula sammelte 2010 68.000 Payback-Punkte von Wilfried Besser

Es gibt diese Dinge, Sit­u­a­tio­nen oder Ereignisse, die uns eher eine Last sind, obwohl sie uns doch eigentlich eine Lust sein soll­ten. Das Fahren mit der Deutschen Bahn gehört zweifel­los in diese Kat­e­gorie. Oder die Spiele von Schalke 04. Sich­er auch der Besuch eines Wei­h­nachts­mark­tes in der Reck­linghäuser Innen­stadt. Ich denke, jed­er ken­nt diese Phänomene und hat da so seine eigene Pri­or­itäten­liste.
Nun wird es Sie vielle­icht erstaunen, dass diese Liste bei mir aus­gerech­net von Tätigkeit­en des täglichen Lebens ange­führt wird. Also ich sag mal: einkaufen, tanken, buchen, bestellen. Aber es ist nun mal so, Tätigkeit­en, die ich früher zumeist fröh­lich pfeifend und mit leichter Hand erledigt habe, las­ten mir heutzu­tage zuweilen schw­er auf der Seele. Und sollte jet­zt die Frage im Raum ste­hen, was denn diesen ele­mentaren Umschwung bei mir verur­sacht hat, dann kann ich voller Überzeu­gung mit einem Wort antworten: Pay­back!
Dabei hab ich dieses Punk­te-Sys­tem, als es das Licht der Welt erblick­te, erst­mal nur sehr beiläu­fig zur Ken­nt­nis genom­men. Wer wusste schon, ob das Ganze von Dauer sein würde. Es gibt schließlich so vieles, das ist schneller in der Versenkung ver­schwun­den als es einst gekom­men ist. Und so habe ich mich entschlossen, erst­mal abzuwarten und Bier zu trinken. Okay, ich weiß, dass es eigentlich Tee heißt, aber m.E. wartet es sich weitaus bess­er bei ein paar Bierchen. Pro­bieren Sie’s mal aus.
Doch dann kam der Tag, an dem ich fol­gende Schlagzeile las, ja, was heißt las, sie sprang mich ger­adezu an und über­rollte mich mit ele­mentar­er Wucht: Paula sam­melte 2010 68.000 Pay­back­punk­te. Boah, dachte ich, 68.000, das ist ja mal ne Ansage. Der pure Wahnsinn. Und da auch meinen inneren Wider­stän­den Gren­zen geset­zt sind – Sie ken­nen das ja: Geist willig, Fleisch schwach – hat­te es mich mit einem Mal gepackt. 68.000 Pay­back-Punk­te. Das wollte ich auch schaf­fen. Das war immer­hin ein Gegen­wert von schlap­pen 860 Euro. Okay, dass man dafür auch an die 100.000 Euro auf die Tis­che ver­schieden­er Häuser zu blät­tern hat­te, um diese Aus­beute zus­tande zu brin­gen, daran hab ich in diesem Moment über­haupt nicht gedacht. Ich wusste nur, dass man mit 680 Euro so manch­es anstellen kon­nte. Gut, es würde vielle­icht nicht für ein mit Blattgold über­zo­genes Steak in Dubai reichen, aber ne Woche Urlaub auf Malle, das war sich­er drin. Ich war jeden­falls fest davon überzeugt: Was Paula kon­nte, das kon­nte ich schon lange.
Prompt bin ich am näch­sten Tag los­ge­zo­gen und habe mir eine Pay­back-Karte besorgt. Und was soll ich euch sagen: Von dem Moment an war nichts mehr wie es mal war. Ja, es war der Anfang vom Ende mein­er bish­eri­gen Einkaufs‑, Buchungs- und Bestell­freuden. Denn ein­fach nur losziehen, den Einkauf­swa­gen voll­pack­en, den Wagen voll­tanken oder bei Otto ein Six­pack Unter­ho­sen zu ordern, das war nicht mehr. Galt es doch, alle Besorgun­gen und Erledi­gun­gen vorher gen­er­al­stab­smäßig durchzu­pla­nen. In die engere Wahl kamen, z.B. beim Lebens­mit­telka­uf, for­t­an nur noch Läden, in denen meine Karte auch akzep­tiert wurde. Außer­dem war es immer­hin ein gewaltiger Unter­schied, ob es dort einen Punkt für 1 Euro Einkauf oder erst für 2 Euro gibt. Ganz beson­ders zu berück­sichti­gen war oben­drein, ob und wofür es Son­der­punk­te gab. Etwa den 5fach-Coupon von REWE oder gar den 10fach-Coupon bei REAL. Oder 20- bis 30-fach-Punk­te auf ganz bes­timmte, alle paar Tage wech­sel­nde Artikel. Wobei man Obacht geben muss, die geschickt aus­gelegten Fall­stricke zu erken­nen und ihnen auszuwe­ichen. Zum Beispiel, wenn der Son­der­coupon mit den vie­len Zusatzpunk­ten erst ab einem Einkauf vom 25 Euro oder gar erst 50 Euro gültig war. Oder nur am Mon­tag oder am Don­ner­stag. Oder nur, wenn man im online-shop bestellte. Oder den down­ge­load­e­ten Coupon in der Handy-App freis­chal­tete.
Aber damit war’s ja noch lange nicht genug. Denn Pay­back-Punk­te gibt es schließlich nicht nur in Super­märk­ten, Droge­rien oder Tankstellen. Was nichts anderes bedeutete, dass ich keine einzige Entschei­dung mehr tre­f­fen kon­nte, ohne zuvor  gründlich die einzel­nen Pay­back-Ange­bote zu durch­forsten. Denn wer will schon ern­sthaft das Risiko einge­hen, dass einem ein dick­er Haufen dieser blauen Punk­te durch die Lap­pen geht. Nur weil man schlecht vor­bere­it­et irgend­wo übereilt zugeschla­gen hat. Konz­erttick­ets? Doch nicht mehr an der örtlichen Tick­etkasse, wenn es dreifach-Punk­te bei Even­tim gibt. Blu­men­strauß? Keine Chance für die Floristin an der Ecke, wo doch Valentins oder Blume 2000 mit sat­ten Punk­tvorteilen lock­en. Urlaub buchen? Aber bitte nur online bei Reise­land oder Expe­dia mit den fet­ten Punk­te-Coupons. Und wenn Karstadt nun mal keine Punk­te raus­rückt, dann geh ich eben zu Kaufhof. Selb­st Schuld, wenn dann der Laden nicht läuft.
Diese Liste ließe sich unendlich fort­set­zen. Wenn ich das jet­zt und hier alles aufzählen wollte, wäre ich mor­gen früh noch nicht damit durch. Aber ich denke, Sie haben jet­zt einen unge­fähren Ein­druck davon gewon­nen, wie sich Pay­back meines Lebens bemächtigt hat­te und nahezu mein gesamtes Han­deln und Denken bes­timmte. Punk­te oder keine Punk­te, das war für mich nicht mehr die Frage. Es war meine Lebens­grund­lage. Nachts begann ich davon zu träu­men, ich sei eine wil­len­lose Mar­i­onette, die von Geis­ter­hand an ihren Fäden durch die Welt geschaukelt wird. Ein­fach grauen­voll.
So bin ich denn zu der Überzeu­gung gekom­men, dass dieser Alp­traum so nicht weit­erge­hen kann, will ich nicht mein let­ztes Quäntchen Selb­st­bes­tim­mung an ein selen­los­es Sys­tem ver­lieren. Und ich habe den Entschluss gefasst, dem Ganzen ein Ende zu bere­it­en. Bevor mich meine Frau vor die Wahl stellen wird: Entwed­er ich oder deine Pay­back-Punk­te. Sollen sie mich doch mal gern haben, die Herrschaften, und sich ihre Pay­back-Punk­te sonst­wohin steck­en. Schon der Gedanke daran hat etwas unge­heuer Befreien­des. Ich bin überzeugt: Es wird mich zu einem anderen Men­schen machen. Scheiß auf Paula und ihre 68.000 Punk­te, die ich im Übri­gen eh nie zusam­mengekriegt habe. Für mich begin­nt ab sofort eine neue Zeitrech­nung. Und mor­gen, meine liebe Fre­unde, mor­gen hole ich mir eine Deutsch­land­Card!

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Der alte Mann am Meer von Helmut Peters

Texte zu Bildern von Udo Home­y­er – Wave bzw. Wave­line

Schw­er atmend set­zte sich der Alte mit dem Rück­en zum Meer auf einen
Felsvor­sprung. Seit Tagen war er schon unter­wegs, seit Jahren hat­te er auf diesen
Augen­blick gewartet. Nun war er am Ziel.
Er atmete tief durch, drei‑, vier­mal konzen­tri­erte er sich auf seinen Atem, spürte die
Luft ein- und ausströ­men, spürte wie sich sein Brustko­rb weit­ete und wieder
zusam­men­fiel, wie seine Bauchdecke sich hob und senk­te.
Dann öffnete er sich. So, wie er es sich schon tausend­mal in der Med­i­ta­tion
vorgestellt hat­te, nur jet­zt wirk­lich, real. Er brauchte nicht zu sehen, nur zu spüren,
wie er sich öffnete, weit­er und weit­er, ganz leicht, kinder­le­icht.
Er nahm jet­zt mit allen Sin­nen seine Umge­bung in sich auf, das Rauschen des
Meeres. Das Geräusch der Flut ver­band sich mit seinem Atem. Das leichte Sin­gen
des Windes ver­mis­chte sich mit einem Engel­chor in seinen Ohren.
In seinem offe­nen Herzen spürte er ein Frohlock­en, ein fröh­lich­es Zwitsch­ern, das
immer stärk­er wurde, seine Kehle langsam füllte und nach anfänglich gurgel­nden
Geräuschen in einen wun­der­vollen Gesang mün­dete, wie er ihn nie zuvor hat­te von
sich geben kön­nen. Noch lange nach seinem Weg­gang war die Bucht von seinem
Gesang erfüllt.

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Wir warten von Sylvia Seelert

Kun­sto­b­jekt: Ursu­la Com­man­deur

Wir sind Viele
Und wir warten
Aus dun­klen Schlün­den
Schauen wir
Und wis­sen nicht
Was kom­men wird

Wir sind Viele
Und wir warten
Blick­en zu allen Seit­en
Wollen begreifen
Mit unseren Ten­takeln
Die Welt erre­ichen

Wir sind Viele
Und wir warten
Sind befleckt
Miteinan­der ver­net­zt
Alle auf einem Haufen
Zusam­mengesteckt

Wir sind viele
Und wir warten
In feinen, zarten
Kör­pern ver­steckt
Ersehnen wir Berührung
Auf kalter Haut

Wir sind Viele
Und wir warten
Bis wir begreifen
Die Ver­weigerung
Der Berührung
Liegt in uns selb­st

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Paula sammelt 2010 68.000 Payback-Punkte von Martina Bialas

Guten Tag, ich heiße Paula und ich ste­he mit­ten im Leben. Ich bin nicht nur dabei, son­dern immer mit­ten­drin. Und das gefällt mir — mich den Her­aus­forderun­gen des Lebens zu stellen. Mein Job fordert mich unge­mein, aber das gefällt mir auch. Es bedeutet übri­gens Kampfgeist und einen aus­geprägten Gle­ichgewichtssinn, sich auf der Welle des Erfol­gs oben zu hal­ten. Gele­gentliche Schwankun­gen läch­le ich weg. Ich bin sou­verän, straight und weiß immer genau, was ich will. Am lieb­sten ein biss­chen mehr von allem. Nein, das ist nicht unver­schämt, das ist berechtigt. Ich bin eine Frau des 21. Jahrhun­derts: Ich darf sagen, was ich möchte und mir nehmen, was mir gefällt. Ich besitze einen dur­chaus gesun­den Ego­is­mus und man sagt mir aus­geprägtes Selb­st­be­wusst­sein nach. Nicht schlimm. Ich finde, bei­des braucht man, wenn man sich durch dieses immer ver­rück­ter wer­dende Leben bewegt. Gut bewegt! Ich möchte nicht straucheln, ich gehe strikt auf mein Ziel zu. Nein, ich schub­se dabei nie­man­den aus dem Weg. Mag sein, dass mein Lächeln manch­mal etwas verkrampft wirkt, vielle­icht auch etwas bis­sig, so dass man mir dur­chaus frei­willig den Weg räumt. Ich nicke leicht nach vorne, grüße zus­tim­mend oder abweisend nach links und rechts, wenn ich einem mein­er Pläne nachge­he. Und Pläne habe ich viele. Die muss man haben, wenn man nicht im Strom der Zeit unterge­hen möchte. Sie wis­sen: „Man geht mit der Zeit, son­st geht man mit der Zeit.“
Und unterge­hen — das passiert ruck­zuck, wenn man sich unüber­legt an eine Sache beg­ibt. Deshalb lasse ich mich auch durch nichts und nie­man­den ablenken, ich bin hochkonzen­tri­ert auf mein aktuelles Anliegen. Mul­ti­task­ing ist übri­gens schon wieder out.
Entschuldigung! Mein Handy!
Ich folge dem einen oder anderen Zeit­geist, ohne mich abhängig zu machen. Und abhängig wird man schnell in dieser hoch aktiv­en Gesellschaft. Medi­en­gu­rus bes­tim­men unser Leben, Per­son­al­train­er gesellen sich dazu. Tausende von Deutschen wollen Coach wer­den und mir dann erzählen, was mit gut­tut. Unfass­bar! Ich weiß doch wohl noch immer am besten, was mir gut­tut und was nicht. Dafür habe ich ein abso­lut funk­tion­ieren­des Kopf‑, Bauch und Herzge­fühl. Ich unter­w­erfe mich keinem Dik­tat.
Entschuldigung! Mein Handy!
Das Frei­sein von abhängig machen­den Din­gen ist erlern­bar, es ist nur eine Frage des Train­ings. Dieses ewige Nörgeln und Jam­mern, das Selb­st­mitleid und dieser laut­lose Killer „Stress“ find­en in meinem Leben keinen Platz. Sie haben bei mir keine Chance. Auch nicht die mit Lei­den­schaft insze­nierten Lebens­dra­men. Und alles dargestellt in den sozialen Net­zw­erken. Weg damit, ich möchte frei sein. Ich bin frei.
Entschuldigung! Mein Handy!
Ken­nen Sie das Gefühl, wenn Pulss­chlag und Blut­druck steigen, der Kör­p­er ver­schiedene Stresshormone auss­chüt­tet, die Ver­dau­ung reduziert wird und sich alle Muskeln anspan­nen? Dann sollen wir bere­it sein, richtige Entschei­dun­gen zu tre­f­fen. Ver­dammt! Ich ste­he im Hier und Jet­zt und sage direkt, was ich denke. Also immer möglichst schnell. Unser Über­lebens­modus ist auf schnelle Vorgänge pro­gram­miert, weil unser Kör­p­er ange­blich diese enorme Belas­tung höch­stens 15 Minuten aushal­ten kann.
Also lasse ich das erst gar nicht an mich her­an.
Entschuldigung! Mein Handy!
Clean – also sauber bleiben, heißt mein primäres Lebens­mot­to. 
Einen Moment bitte! Es tut mir leid, aber ich muss etwas klären. Es sind soeben 3300 Pay­back-Punk­te im Netz freigegeben wor­den. Eine kleine Lei­den­schaft von mir, keine Abhängigkeit. Das möchte, das muss ich dif­feren­zieren.
Ich bin ein sehr lei­den­schaftlich­er Men­sch. Ich brenne für Dinge, die mir wichtig sind. ÄHM, ich meine natür­lich keine Dinge, ich meine Men­schen. Ich bin eine gute Ansprech­part­ner­in und Zuhörerin.
Das gibt es doch nicht. 3.300 Online-Punk­te für Einkäufe im Online-Han­del! Aber da kaufe ich eigentlich nicht ein, ich unter­stütze den Einzel­han­del vor Ort.
Ich habe 2010 68.000 Pay­back-Punk­te gesam­melt und für diese einen Staub­sauber mit Kom­plettzube­hör erhal­ten. Diesen großar­ti­gen Erfolg – ohne übri­gens einem Einzel­händler geschadet zu haben – kon­nte ich nie wieder­holen. Meine Fre­unde sagen sehr nach­den­klich über diese dama­lige Zeit, ich hätte wie eine große schwarze Wal­fisch-Wolke über unser­er kleinen Stadt gele­gen. Nichts sei mir ent­gan­gen. Sie wollen meine gefletscht­en Zähne in der Wolke erkan­nt haben. Ich hätte Punkt für Punkt aufge­saugt. Gnaden­los sei ich nach vorne geprescht.
Ein amüsan­ter Witz von ihnen. Denn das kann nicht sein, mein Leben beste­ht aus anderen Zielset­zun­gen. Und die heißen nicht Pay­back-Punk­te. Pay­back-Punk­te!!!   Aber jet­zt im Feb­ru­ar gle­ich 3.300 von ihnen zu ergat­tern, das wäre natür­lich schon ein Erfolg.  
Ich käme endlich kosten­los an diesen Laub­staub­sauger, der mein Garten­leben vere­in­fachen würde. Durch ihn würde ich wieder mehr Zeit gewin­nen, um mich den wirk­lich wichti­gen Din­gen wid­men zu kön­nen. Ich benötige für ihn 73.250 Punk­te. Ein Ersatzs­taub­sauger-Beu­tel mit Duft­stof­fen, um diesen mor­biden Blattgeruch erst gar nicht aufkom­men zu lassen, wäre dabei. 73.250 Pay­back-Punk­te sind für mich in den verbleiben­den 11 Monat­en zu sam­meln, das sind 6.659 Punk­te im Monat – minus diese möglichen 3.300 … das wären wiederum …
Ich heiße Paula … und ich weiß genau, was ich will. Abhängigkeit­en kenne ich keine. Ich bin lei­den­schaftlich, das bin ich … nicht abhängig. Meine Groß­mut­ter war im zweit­en Weltkrieg auf das Sam­meln von Lebens­mit­tel­marken angewiesen. Aber ich bin eine Frau des 21. Jahrhun­derts, ich bin frei!

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