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Artur Becker in der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule
Eine Begegnung mit einem besonderen schriftstellerischen Selbstverständnis


Am 11.03.2014 las der „polnische Autor deutscher Sprache“ Artur Becker im Pavillon der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule vor zahlreichen Gästen aus seinem Artur Beckerneuesten Roman mit dem Titel „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“. Die Lesung – eine Kooperationsveranstaltung der Schule mit der Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen – entpuppte sich als ein wirklich denkwürdiges Ereignis, weil die Lesung, ihre Struktur und die Rahmenbedingungen in besonderer Weise zueinander passten und ein besonderes Licht auf die Bearbeitung des deutsch-polnischen Verhältnisses als Schwerpunktthema der Schule warfen.

Zu Beginn begrüßte Regina Brautmeier, die ehemalige Abteilungsleiterin S II der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule und jetzige Leiterin des Comenius-Gymnasiums in Datteln, den Autor und das Publikum und wies auf den Premierencharakter der Veranstaltung hin, weil der Autor die Gelegenheit hatte, eine nagelneue Bühne einzuweihen. Danach skizzierte Werner Fondermann, der Vorsitzende der Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen, den ungewöhnlichen Lebenslauf des Autors, der als Jugendlicher aus Polen nach Deutschland kam und seinen Traum, Schriftsteller zu werden, in der deutschen Sprache verwirklichte; er akzentuierte sein Selbstverständnis als Schriftsteller und wies auf seine Auszeichnung mit dem „Dialogpreis der Deutsch-Polnischen Gesellschaft“ hin, rühmte vor allem auch das Herkunftsland des Autors – Masuren! Währenddessen wurden in langsamer Abfolge Bilder aus Masuren an die Wand projiziert, die die Schönheit der Landschaft und ihrer Architektur in einer bewundernswerten Auswahl verdeutlichten. Danach begrüßte Renata Lindemann, die an der Wolfgang-Borchert- Gesamtschule arbeitet und zugleich Vorstandsmitglied der Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen ist, insbesondere die polnisch sprechenden Gäste an diesem Abend in polnischer Sprache und erläuterte den Ablauf der Veranstaltung. So wurde schon im Einleitungsarrangement deutlich, dass die Veranstaltung einen wichtigen Baustein für die Bearbeitung der schwierigen Thematik darstellen sollte.

Zunächst las Becker ein Gedicht des 1944 beim Warschauer Aufstand gefallenen Dichters Krzysztof Kamil Baczyński, der heute in Polen überaus populär ist, mit dem Titel „Es ist schon spät“ und führte mit diesem Gedicht auf die Thematik des ganzen Abends hin, die Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die Vergangenheit Polens und an die mit ihr verbundenen individuellen Schicksale.
Danach las Becker einen Ausschnitt aus einem Vortrag über Identität und verdeutlichte die Problematik, die sich ihm stellte, als er als Jugendlicher nach Deutschland kam und mit der Integration in die deutsche Gesellschaft vor der Notwendigkeit stand, sich von seiner alten Identität zu lösen, ohne dies vollständig leisten zu können. Er skizzierte seine individuelle Lösung der Problematik: ein Selbstverständnis als „Kosmopole“ und als „polnischer Autor deutscher Sprache“, wie er bei einer anderen Gelegenheit formuliert hat.

Es folgte die Lesung aus seinem neuen Roman, dessen Inhalt  - folgt man dem „Waschzettel“ -  das folgende Geschehen umgreift: Ausgerechnet an Allerseelen stirbt Karol, ein ehemaliger Fabrikdirektor und ein unbelehrbarer Kommunist aus Polen, bei einem Familienbesuch in Deutschland. Seine Tochter Mariola und ihr Cousin Arek verbringen eine Nacht im Zimmer des Aufgebahrten. Vor über 25 Jahren waren sie Kinder; sie verband eine sehr enge Bindung. Während der Nacht im Zimmer des Aufgebahrten erinnern sie sich an ihre Vergangenheit, an Freunde, an Abenteuer, an Reflexionen über die Frage nach ihrer Existenz; sie erinnern sich an wunderschöne Tage am See in Masuren mit seiner wunderbaren Landschaft. Es kommt hinzu, dass die erinnerten Erlebnisse auf dem Hintergrund des politischen Wandels in Polen zwischen 1980 und 1994 zu sehen sind. Es gelingt den beiden in dieser Nacht eine unglaubliche Totenfeier; ihre Erinnerungen vergegenwärtigen Vergangenes, berühren Gegenwärtiges und beschwören Zukunftsfragen. Sie durchleben die ganze Nacht vom „Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“.
Becker las aus dem ersten Teil des Romans ein längeres Kapitel, das die Ausgangssituation des Romans enthält, und aus dem zweiten Teil ein Kapitel, in dem Arek bei einem nächtlichen Spaziergang auf der Mole eine Begegnung mit Christus erlebt. Beide Beispiele forderten den Zuhörern einiges ab, weil der Erzähler Handlungsabläufe und von philosophischen Reflexionen geprägte Passagen eng aufeinander folgen lässt, den gegenwärtigen Schauplatz verlässt und in die Vergangenheit eintaucht und wieder wechselt, komplexe Beziehungen zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern schildert und vor allem immer wieder die Erlebnisse Areks mit seiner Cousine erinnert. Die Begegnung mit Christus – raffiniert schillernd gestaltet – mündet ein in eine leidenschaftliche Anklage Christi an die Welt der Gegenwart: die Menschen verbrauchen besinnungslos die Ressourcen der Erde, verfallen dem Konsum, fallen vom Glauben ab und zerstören die Welt; Christus offenbart in diesem Dialog, dass er die Welt nie verlassen habe Artur Becker mit Schülernund immer bei den Menschen geblieben wäre; aber nun verweigert er sich einer neuerlichen Sündenbock-Rolle. Er wird die Menschen nicht noch einmal erlösen.
Abschließend stand Artur Becker Schülerinnen und Schülern auf dem Podium bzw. später dem Publikum für Fragen zu seinem schriftstellerischen Selbstverständnis zur Verfügung; im Mittelpunkt standen neben kulturkritischen Aspekten vor allem seine Erfahrungen als Jugendlicher im Westdeutschland vor 1990: der „Kulturschock“ bei der Begegnung mit den Freiheitsmöglichkeiten im Unterschied zu den Zwängen des sozialistischen Systems, dem er entkommen war, die Lernprozesse, die er durchlief, um seine eigene Identität näher bestimmen zu können. Er betonte besonders seine Fähigkeit und Bereitschaft, in verhältnismäßig kurzer Zeit die deutsche Sprache zu erlernen, um dann in dieser neuen Sprache eine erfolgreiche schriftstellerische Existenz aufzubauen. Bei Nachfragen zu seiner vielleicht sehr konservativ erscheinenden kulturkritischen Position erinnerte er sehr überzeugend an das Prinzip des fiktiven Erzählers, dessen Überzeugungen keineswegs denen des Autors entsprechen müssen, und forderte ganz entschieden, dass die Literatur niemandem eine Haltung vorschreiben darf, dass bei aller Kulturkritik auf den Fortschritt nicht verzichtet werden kann, dass die Widersprüche und Gegensätze in der Welt der Gegenwart in ihrer Dialektik begriffen und bewältigt werden müssen.

Regina Brautmeier dankte abschließend dem Autor für seine überzeugende Lesung und seine Beiträge; Werner Fondermann schloss sich mit einem Bildband als Präsent dem Dank an und schloss die Veranstaltung ab, indem er auf den Büchertisch hinwies, Renata Lindemann dankte, für die diese Veranstaltung eine Herzensangelegenheit war; er dankte der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule und insbesondere Frau Brautmeier für die Kooperation mit der NLGR, er dankte den Schülerinnen und Schülern für ihre Aktivitäten und der Firma Smiarowski für die Bereitstellung von Speisen und Getränken mit polnischen Bezügen sowie für die ausgezeichneten Fotoprojektionen als Begleitung zur Lesung und sprach mit einem Schlenker die anwesenden polnisch sprechenden Gäste in ihrer Muttersprache an. Schließlich wies er auf die nächsten Veranstaltungen der Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen im laufenden Monat hin.

(Dieter Menne)

Fotos: Dieter Menne

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