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KulturPott

 

REspect4you-Autorennacht 2013 in der Altstadtschmiede

Provozierende Geschichten über die digitale Revolution, ihre Chancen und Gefahren

"Das world wide web und meine virtuelle Welt" – das war das Motto der diesjährigen Autorennacht der Newcomer, die am 06.12.2013 wieder in der Altstadtschmiede stattfand; neun Autorinnen und Autoren hatten sich mit dieser Thematik auseinander gesetzt und waren von der Jury, bestehend aus Natascha Eschweiler, Stephan Schröder und dem Verfasser dieses Berichts, Dieter Menne, eingeladen worden, ihre Texte vorzustellen; es zeigte sich, dass die Teilnehmer das Motto einerseits sehr konkret aufgegriffen, aber andererseits sehr unterschiedliche Lebenswirklichkeiten in ihrem Verhältnis zur virtuellen Welt erdacht hatten.
Nach der Eröffnung des Abends durch Stephan Schröder, der mit einer aufmunternden Ansprache die Gäste und vor allem die Autorinnen und Autoren begrüßte, machte Anna Päseler, eine sechzehnjährige Schülerin aus Marl, die schon 2012 teilgenommen hatte und auch freie Mitarbeiterin für den Szenario-Teil des Medienhauses Bauer ist, den Anfang mit einer Ge-schichte mit dem Titel "Am Anfang stand eine Mauer ".

Ein Foto verbreitet sich in Windeseile weltweit über soziale Netzwerke. In einer Rückblende auf das Jahr 1958 erzählt ein auktorialer (allwissender) Erzähler, dass ein Student auf eine Mauerinschrift aufmerksam wird, die die Vorübergehenden auffordert, darüber nachzudenken, was sie sehen, wenn sie ihre Augen schließen. Der Student ist verwundert, gewöhnt sich aber daran, täglich Menschen vor dieser Inschrift stehen und reden zu hören. Ein paar Tage später sieht er, dass Menschen Antworten auf die Mauer gepinselt haben, die etwas über ihre persönlichen Wünsche und Wertvorstellungen aussagen. Der Student wird mehr und mehr interessiert an der Frage und den Antworten, erlebt aber einige Tage später, dass die Inschrift überpinselt wird. Einen Monat später taucht an dieser Stelle auf der Mauer eine neue Frage auf: „Und glaubst du auch daran?“ Der Student beschließt am nächsten Tag, sich nach einer Prüfung an den Inschriften zu beteiligen. Er kommt nach Hause und ist geschockt von dem Anblick, dass das Haus mit der mittlerweile berühmten Mauer abgerissen worden war. Nach dieser Rückblende erfolgt eine Vorausschau auf den 7. Oktober 2014: der mittlerweile um 54 Jahre älter gewordene ehemalige Student erinnert sich voller Wehmut an den Tag, als der Neubau auf dem Grundstück des Hauses mit der Mauer feierlich eingeweiht wurde. Nie hatte er den Autor der Fragen kennenlernen können. Nie hatte er ihm eine Antwort auf die Mauer pinseln können. Seine Enkelin brachte ihn nun auf eine neue Idee: er lässt sich mit einem Schild fotografieren und setzt das Foto ins Internet und skizziert die dazugehörige Geschichte von den Mauerinschriften. Auf dem Schild steht nun seine Antwort, die er dem Unbekannten damals nicht geben konnte: FRIEDEN. Über das soziale Netzwerk wird das Foto mit der dazugehörigen Geschichte verbreitet und provoziert die User von sozialen Netzwerken, ihre Antworten zu formulieren und ins Internet einzustellen: Eine Chinesin bietet ein Foto mit dem Begriff „Meinungsfreiheit“; aus Amerika kommt ein Plakat mit dem Begriff „Gleichberechtigung“, aus Afrika ein Foto mit dem Begriff „Armutsbekämpfung“. Am Ende schreibt der Erzähler: „In Minutenschnelle folgten immer mehr Antworten auf die Fragen, die vor 56 Jahren nur die Bürger einer Vorstadt bewegten.“
Diese Geschichte provoziert die Frage: Welche Chancen bietet die virtuelle Welt für die Zukunft der Menschheit? Annas Vision eröffnete den Abend mit einer positiven Perspektive.

Danach präsentierte die Gelsenkirchener Autorin Dea Sinik, eine Germanistikstudentin, die seit vielen Jahren schreibt und selbst einen Poetry Slam moderiert, einen Gedichtzyklus, der die Erinnerung eines lyrischen Ich an eine vergangene Liebesbeziehung als virtuelle Welt begriff, in der sich über einen längeren Zeitraum ein Ablösungsprozess vollzog; am Ende stand ein markanter Schlusspunkt, der auf verschiedenen Ebenen verdeutlichte, dass die Beziehung beendet und intellektuell, emotional und auch haptisch überwunden und aus der Erinnerung getilgt war.
 
Der Informatikstudent Henrik Haumann las eine Geschichte mit dem Titel "Stag beetle" vor und beschwor eine seit langem bestehende - fiktionale  - virtuelle Welt, getragen von gezüchteten Hirschkäferschwärmen; das Wissen der Hirschkäfer diente immer wieder den Mächtigen als Herrschaftswissen zur Unterdrückung der ihrer Herrschaft unterworfenen Menschen; die raffinierte Konstruktion dieser Geschichte hatte durch die seit einigen Monaten bekannt gewordenen Aktivitäten der NSA einen deutlichen Gegenwartsbezug.

Von Isabelle Woll stammte eine Geschichte mit dem Titel "Meine Großeltern"; die Geschichte wurde vom Verfasser dieses Berichts vorgetragen: ein Erzähler-Ich berichtet über den Versuch seiner Großeltern, mit modernen Kommunikationsgeräten (smartphone, iPad) umzugehen, um sich den Zugang zur virtuellen Welt des Netzes zu verschaffen; der Versuch – nach Kräften unterstützt von dem Erzähler – ist erfolgreich, so dass die beiden alten Leute in der Lage sind, ihre Freizeitaktivitäten mit modernen Kommunikationsmitteln zu gestalten; die einfach und schlicht aufgebaute Geschichte dieser Erfahrung zeigte, welche Annehmlichkeiten mit der Erschließung der virtuellen Welt verbunden sein können und dass auch ältere Leute an diese komfortablen Möglichkeiten herangeführt werden können.
 
Die Geschichte "sunnyboy45" von Sarah Krauße dagegen akzentuierte nicht die Chancen, sondern die Gefahren, die mit der virtuellen Welt verbunden sind und zur Zeit zunehmend zu beobachten sind:
Eine Ich-Erzählerin, Lara, hatte im Internet einen Gesprächspartner mit dem Namen Joachim kennen gelernt und hatte sich schnell mit ihm zu einem Chat verabredet. Im Laufe der nächsten Tage und Wochen hatte sie sich in ihren Gesprächspartner verliebt, der sie außerordentlich fürsorglich mit Nachrichten und Grüßen behandelte. Lara ist begeistert, dass ein älterer Junge sich für sie interessiert. Schließlich verabreden sie sich zu einem Treffen. Zuvor hatte ihr Gesprächspartner ihr verdeutlicht, dass er älter als 19 sei. Bei dem von Lara aufgeregt erwarteten Treffen entpuppt Joachim sich als deutlich viel älter; nach dem Treffen im Eiscafé verleitet Joachim Lara zu einem gemeinsamen Besuch in einem Hotel, und es gelingt ihm die Schülerin zu verführen und schließlich zu vergewaltigen. Lara erzählt unter Druck ihrer Mutter von dieser Geschichte; es kommt zur Anzeige und zur Verurteilung Joachims, was Lara aber außerordentlich bedauert. Sie hat sich unter einem neuen Chat Account angemeldet und einen Gesprächspartner mit dem Namen Playboy 57 kennengelernt und sich mit ihm für die nächste Woche verabredet. 

Nach einer Pause las Ellen Jost, eine angehende Journalistin, die seit 2011 leidenschaftlich gern schreibt, einen eigenen Blog betreibt und auch für den Szenario-Teil des Medienhauses Bauer arbeitet, eine Geschichte mit dem Titel "On love - off life", in der  – ähnlich wie in dem Beitrag von Dea Sikin – eine Liebesgeschichte erinnert wird, die aus einer Internetbekanntschaft hervorgegangen war und auch mithilfe des virtuellen Netzes gepflegt wurde, aber zu einer Trennung geführt hatte; die Geschichte beschrieb in sehr anschaulicher Weise den Ablösungsprozess, der wie bei den schon zitierten Gedichten von Dea Sikin auf intellektueller Ebene, auf der Ebene der Emotionen und auf der praktischen


 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ebene vollzogen wird: das Medium der virtuellen Welt, der Laptop, auf dem die Beziehungsentwicklung gespeichert war, wird vernichtet.

Michael Kostenski, ein Graveur aus Marl, ließ in der Geschichte "Der Albtraum" einen Ich-Erzähler in die virtuelle Welt eines Computerspiels eintauchen, das Spiel simuliert eine märchenhaft erscheinende Welt voller Drachen und Helden, Königen und Prinzessinnen, in die der Ich-Erzähler auf der Flucht aus seiner trostlos erscheinenden Realität eindringt und diese Märchenwelt als heile Welt empfindet, in der er bleiben will und bleiben wird (?). Der Albtraum ist mehrdeutig: er kann als Fluchtweg in die simulierte Computerwelt verstanden werden; er kann für die trostlose Realität des Erzählers stehen, aber auch das Erschrecken über die Möglichkeit, sich in der virtuellen Welt verlieren zu können, ausdrücken.

Elena Wüllner aus Herten, auch sie Mitarbeiterin beim Medienhaus Bauer, hatte sich eine vergnügliche Szene mit dem Titel "Als Goethe einmal googelt" ausgedacht:
Ein junges Mädchen von heute wird von dem Dichterfürsten Goethe besucht und erläutert ihm, über welche technischen Errungenschaften die heutige Gesellschaft verfügt, vor allem mit welchen Kommunikationsmitteln die Menschen heute umgehen können; Goethe begreift schnell, welche Möglichkeiten den Menschen 180 Jahre nach seinem Tod zur Verfügung stehen und welche Prinzipien ihnen zugrunde liegen. Das junge Mädchen hilft ihm, seinen eigenen Namen zu googeln und über YouTube eine Inszenierung eines seiner Gedichte anzusehen; Goethe sieht sein Leben auf Zusammenfassungen reduziert und ist über die Inszenierung empört, empfindet sie als kitschig. Die Verfasserin hatte ihren Vater mitgebracht, der mit ihr zusammen zur Freude des Publikums den szenischen Dialog inszenierte.

Schließlich las Nina Kotas, eine Schülerin der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule, eine Geschichte zum Motto der Autorennacht; die Geschichte spielte Auswirkungen der digitalen Revolution auf das Alltagsverhalten der Menschen und auf das Austragen von Konflikten an anschaulichen Beispielen durch und ließ in einem Dialog zwei junge Leute über die Gefahren der zunehmenden Isolation und Beziehungslosigkeit reflektieren.

Diese neun Geschichten wurden von ihren Autorinnen und Autoren bzw. vom Berichterstatter vorgelesen und mit großem Beifall bedacht. Die Respekt4you-Autorennacht 2013, eine gemeinsame Veranstaltung der Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen und der Stadt Recklinghausen - an diesem Abend vertreten durch die Kulturplanerin Barbara Lemke - in Kooperation mit der Altstadtschmiede und den Ruhrfestspielen Recklinghausen, großzügig gefördert durch die Firma Ostermann, war ein toller Erfolg. Eine Combo der Musikschule begleitete die Vorträge mit gekonnt gespielten musikalischen Einlagen und einer sehr sympathischen Performanz. Stephan Schröder dankte allen Mitwirkenden, den Autorinnen und Autoren, der Jury und dem Verfasser des Berichts, der die Vorträge jeweils kommentierend eingeleitet hatte, Frau Lemke für ihre Initiative, dem Team der Altstadtschmiede, der Band und schloss die Veranstaltung mit der Bekanntgabe des Mottos für die nächste Autorennacht der Newcomer, die dem Phänomen "Schönheit" gewidmet sein soll.

(Dieter Menne)

Fotos: Dieter Menne, Stephan Schröder

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